Eine Weltwirtschaftskrise - zwei Welten I

14. November 2008, 15:56
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Heinrich Treichl hat den Beginn der Großen Depression in Frankfurt erlebt. Wie ihn deren Auswirkungen und die Massenarbeitslosigkeit geprägt haben, erzählte er im Interview

Heinrich Treichl hat den Beginn der Großen Depression in Frankfurt erlebt. Wie ihn die Auswirkungen der Krise und die damalige Massenarbeitslosigkeit geprägt haben, erzählte der spätere Creditanstalt-Chef Renate Graber.

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STANDARD: Sie waren 16, als die Börsen und Banken 1929 stürzten. Wie haben Sie als Sohn einer wohlhabenden Familie das damals erlebt?

Treichl: Einer meiner Onkel war Rudolph von Gutmann, er war Verwaltungsrat der Creditanstalt. Er kam laut Erzählungen damals völlig konsterniert aus einer Verwaltungsratssitzung: Die Bank werde eine Verlustbilanz veröffentlichen. Das war der Beginn einer Kettenreaktion. Wir lebten damals in Frankfurt, in einem kleinen Haus. Wir hatten Tage, da läuteten 30 oder mehr Leute an, um um etwas Essen oder Arbeit zu fragen. Die Arbeitslosigkeit war schrecklich, es herrschte tiefes Krisengefühl, pure Massenverelendung. Wir selbst, da haben Sie recht, haben wohlhabend gelebt - mit Haus und drei Hausangestellten. Für uns war es kein Elend, aber meine Eltern waren sehr unglücklich.

STANDARD: Ihr Vater hatte 1926 als Direktor der Biedermann-Bank in Wien, die in Turbulenzen geraten war, auch eigenes Geld verloren?

Treichl: Ja, aber diese Krise hatte politische Gründe, mein Vater war in eine Intrige geraten. Es gab eine parlamentarische Untersuchung, die einen Run ausgelöst hat. Meine Eltern saßen mit eigenem Geld an der Kassa, um die Leute zu beruhigen. Sie haben dabei jedenfalls alles verloren, was nicht schon bei den Kriegsanleihen, vernichtet worden war.

STANDARD: Wie erlebten Sie die Depression nach Ihrer Rückkehr nach Wien, 1931?

Treichl: Die furchtbare Arbeitslosigkeit sprang am meisten ins Auge, und die immer schärfer werdende Konfrontation ideologisch fixierter Parteien - der beginnende Nationalsozialismus.

STANDARD: 1929 hat der Staat via 2. Creditanstalt-Gesetz für die Schulden der CA gehaftet, 150 Millionen Schilling ins Budget übernommen. Dafür sparte der Staat bei der Beamtenbesoldung und führte Tabak- und Kaffeesteuer ein ...

Treichl: Ja, weil die Krise der Creditanstalt damals außerhalb Österreichs als ganz große Krise empfunden wurde, mit Wirkung für ganz Osteuropa. Die Creditanstalt war nicht nur system- sondern europarelevant.

STANDARD: Sehen Sie heute Parallelen zur damaligen Krise?

Treichl: Nicht bei den Ursachen, so weit die heute erkennbar sind und nicht im wirtschaftlichen Umfeld. Zu Beginn der 30er war Europa schwer betroffen von den Folgen des Ersten Weltkriegs: Österreich- Ungarn zerfallen, Deutschland gebietsmäßig beschnitten und sehr belastet durch die Reparationszahlungen. Damals wurden die Banken von einer schwer notleidenden Realwirtschaft in die Tiefe gezogen. Heute ist das völlig autochthon: Die Finanzwirtschaft hat sich ihre Krise selbst gemacht. Das ist das Groteske daran.

STANDARD: Die heutige Krise nahm ihren Ausgang in den USA. Wer trägt die Verantwortung?

Treichl: Die amerikanischen Banken waren nicht gut geführt.

STANDARD: Die europäischen Banker haben dafür Produkte gekauft, die sie nicht verstanden.

Treichl: Bankgeschäft ist eine Modebranche: Die Dummheiten Einzelner werden weitestgehend von den anderen Banken imitiert. So haben sich die kaum verständlichen neuen Finanzinstrumente um die ganze Welt verbreitet.

STANDARD: Die Manager kaputter Banken werden zwar rausgeworfen, kassieren aber riesige Abfertigungen. Hat es das früher gegeben?

Treichl: Das war auch in den 20ern und 30ern so, zum Teil kamen die Bankchefs ungeschoren davon. Ich würde mit der Behauptung, dass der Ehrbegriff früher ein höherer war, also vorsichtig umgehen.

STANDARD: Wie hat Sie die Weltwirtschaftskrise geprägt?

Treichl: Es sind nur ganz primitive, aber sehr gefestigte Erkenntnisse und Reaktionen. Ich bin überzeugt von der Richtigkeit des marktwirtschaftlichen Systems und des Kapitalismus, aber der Beweis für die Richtigkeit des Systems kann nur darin liegen, dass keine Arbeitslosigkeit entsteht. Ist eine Marktwirtschaft nicht in der Lage, die Beschäftigungswilligen und -fähigen zu beschäftigen, hat sie versagt.

STANDARD: Wurde Ihr Umgang mit Geld von der Krise geprägt? Sie haben ja immer sehr viel verdient.

Treichl: Ich habe, als ich zum Studieren nach Wien kam, fünf Schilling Taschengeld bekommen; das war so gut wie nichts. Im Berufsleben habe ich meist sehr wenig Geld verdient.

STANDARD: Aber nur im Vergleich zu Ihren beiden Söhnen heute.

Treichl: Bei der Creditanstalt jedenfalls war ich weitgehend unterbezahlt. Bei Veitscher Magnesit etwa hätte ich viel mehr bezahlt bekommen.

STANDARD: Was halten Sie vom Bankenpaket, das die Erste Group unter Ihrem Sohn Andreas als erste Bank Österreichs in Anspruch nahm?

Treichl: Zu meinem großen Erstaunen hat die Regierung vollkommen richtig gehandelt.

STANDARD: Was halten Sie denn von den heutigen Managerbezügen?

Treichl: Ich glaube, dass sie zu einem großen Teil weitgehend übertrieben sind. Aber schuld daran sind die Aktionäre - weil sie das genehmigen. (DER STANDARD, Printausgabe, 15./16.11.2008)

Zur Person

Heinrich Treichl, Jahrgang 1913, war von 1970 bis 1981 CA-Generaldirektor. Sohn Andreas ist Erste-Chef, Sohn Michael Investmentbanker und im MIP-Board.

  • An die Haustür von Heinrich Treichls Familie klopften 1929 bettelnde Arbeitslose.
    foto: regine hendrich

    An die Haustür von Heinrich Treichls Familie klopften 1929 bettelnde Arbeitslose.

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