Vom Kasino-Kapitalismus zum "echten" Unternehmertum

13. November 2008, 18:43
14 Postings

Finanzkrise und Klimakatastrophe zeigen, dass unser Wachstum auf Kredit gebaut war. "Nachhaltigkeit" sollte zum Paradigma eines neuen Wertesystems werden

Finanzkrise und Klimakatastrophe zeigen, dass unser Wachstum auf Kredit gebaut war. "Nachhaltigkeit" sollte zum Paradigma eines neuen Wertesystems werden. - Über die Schuld(en), die unser Lebensstil provoziert hat.

*****

Die Hiobsbotschaften in der Finanzwelt reißen nicht mehr ab. Tumulte an den Börsen, Rettungspakete für Banken und die Angst vor einer Rezession - die Realität hat Amerika und den Rest der Welt wieder eingeholt und eine bittere Erkenntnis gebracht: Geld kann nicht - wie im Märchen der süße Hirsebrei - auf wundersame Weise unendlich vermehrt werden: Ein herbes Erwachen aus einem Traum, der nur auf Kredit gebaut war.

In den letzten Jahren war das Banken- und Börsensystem vor allem auf einem Faktor aufgebaut: der Gier. Das ständige Streben nach übermäßigem Wachstum, die damit einhergehende Bereitschaft, alles auf eine Karte zu setzen und ein hohes Spekulationsrisiko einzugehen, erinnern mehr an ein Spiel am Kasinotisch denn an seriöse Geldgeschäfte. Echtes Unternehmertum zeichnete sich schon immer durch langfristige und verantwortungsvolle Führung aus. Würden Klein- und Mittelbetriebe nur annähernd so agieren, würden sie nicht einmal ein Jahr überleben - und sich vor Gericht verantworten müssen.

Doch es sind nicht nur Kredite und überzogene Spekulationen, die die Weltwirtschaft gerade wie ein Bumerang einholen. Auch der jahrelange Raubbau an natürlichen Ressourcen und der allzu sorglose und rücksichtslose Umgang mit unserer Umwelt fordern nun ihren Tribut, für den wir mindestens ebenso hohe Schuldenbeträge zahlen müssen. Der Klimawandel sowie die Probleme bei der Energieversorgung sind dramatische Entwicklungen, die dem Ausmaß der Finanzkatastrophe um nichts nachstehen. Vielmehr verstärken sich diese Krisen gegenseitig, und ihre Auswüchse unterhöhlen die Volkswirtschaften überall auf der Welt. Überflutungen, Dürren oder Tornados haben Agrarproduktionen lahmgelegt, Infrastruktur zerstört und Millionen Menschen obdachlos gemacht - und natürlich viel Geld gekostet. Und das ist erst die Spitze des Eisbergs.

Ob es nun um finanzielle oder natürliche Ressourcen geht - deren Verschwendung, die Ausbeutung und die ungerechte Verteilung hängen schlussendlich mit unserem Konsumverhalten, unserem Lebensstil und unserer Wirtschaftsweise zusammen. Tatsächlich müssten diese Krisen also vor allem eine Konsequenz haben: einen Umbruch in unserem Wertesystem. Weg vom Gierfaktor hin zu mehr Verantwortung gegenüber Mensch und Umwelt. Oder anders gesagt: Wir brauchen eine Rückbesinnung auf ursprüngliche unternehmerische Werte.

Nur ein Marketing-Gag?

"Nachhaltigkeit" ist in den letzten Jahren zu einem sehr stark strapazierten Schlagwort geworden, das mittlerweile für vieles herhalten muss: Da gibt es den nachhaltigen Tourismus, nachhaltigen Landbau, nachhaltigen Wohnbau, einen nachhaltigen Lebensstil ... Klingt alles gut, aber gleichzeitig auch nach viel heißer Luft. Was also bringt die Nachhaltigkeit in Zeiten der Krise?

Die Idee einer "nachhaltigen Entwicklung" setzt sich aus drei Säulen zusammen - Soziales, Ökologie und Ökonomie - sie hat also nicht nur eine umweltpolitische Dimension, sondern zielt auch auf soziale Gerechtigkeit und wirtschaftliche Stabilität. Nachhaltigkeit ist also keinesfalls als Gegensatz zu Unternehmertum, Gewinn, Wachstum und Wettbewerb zu sehen, sondern vielmehr als umfassende Strategie, die die aktuellen Krisen bewältigen könnte. Ein nachhaltiger Umgang mit unseren Ressourcen würde eine völlig neue Qualität wirtschaftlicher Dynamik freisetzen, die der "Gierökonomie" weit überlegen ist.

Selbst wenn derzeit ein auf Nachhaltigkeit aufgebautes Wirtschaftssystem noch Wunschdenken ist - es gibt bereits zahlreiche Beispiele nachhaltig agierender Unternehmen, die Rückschläge besser überstehen, weil sie ihre Geschäftspolitik an Werten und langfristigen Zielen ausrichten. Und es steht außer Zweifel: Wer auf steigende Energie- und Transportkosten, immer anspruchsvollere gesellschaftliche und gesetzliche Anforderungen sowie die wachsende Globalisierung nicht reagiert, wird zunehmend Wettbewerbsnachteile haben.

Umso bedauerlicher ist es, dass die Unmittelbarkeit und Heftigkeit der Finanzkrise bei so manchem Unternehmen als Vorwand für Einsparungsmaßnahmen vorgeschoben wird. Energieintensive Branchen stellen langfristige Pläne für den Umwelt- und Klimaschutz zurück; Der Rotstift wird auch bei sozialen Leistungen für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter angesetzt. Dass man damit eine Lösung für die prekäre wirtschaftliche Situation erzielt, ist ein Trugschluss. Es zeigt lediglich, dass für diese Unternehmen Nachhaltigkeit nicht mehr als ein Marketing-Gag ist, der in Zeiten wie diesen keinerlei Bedeutung hat.

Das Fehlen nachhaltiger Strategien in den Managementsystemen ist übrigens vor allem in einer Branche signifikant: im internationalen Banken- und Finanzwesen. Beim Klima- und Umweltschutz erkennen Finanzunternehmen nur zögerlich die Notwendigkeit eigenen Engagements. Die gesellschaftliche Verantwortung für das Gemeinwesen und für die Ärmsten der Armen ist mit wenigen Ausnahmen ein Fremdwort in dieser Branche.

Und wie sieht es mit der wirtschaftlichen Nachhaltigkeit aus? - Die aktuelle Finanzkrise ist wohl Antwort genug auf diese Frage. (Monika Langthaler, Christian Nohe, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.11.2008)

Autoren

Monika Langthaler und Christian Nohel sind Geschäftsführer der Beratungsfirma brainbows.

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Und wer zahlt die Zeche für das opulente Leben? - "Wer jetzt den Rotstift im Sozialbereich ansetzt, erliegt einem Trugschluss."

Share if you care.