Marsch in die "fröhliche Apokalypse"

12. November 2008, 16:38
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"Kaiser Franz Joseph und der Erste Weltkrieg": Doku von Andreas Ovak verlässt sich auf die Kraft von Archiven und Zeitzeugen

Zu schreiben, was die Kirche Franz Künstler kann, verstößt gegen die guten Sitten. Deshalb mögen Leser den Satz selbst zu Ende denken: "Die können mich alle am ...", ruft Künstler, "mitsamt dem Papst."

Künstlers Zorn rührt von Österreichs Kriegsbegeisterung am Beginn des Ersten Weltkriegs, der sich auch die katholische Kirche nicht entziehen wollte: "Tuts den Feind vernichten", habe der Pfarrer bei der Feldmesse angeordnet. Die Stimmung der fröhlichen Apokalypse ist dem 108-jährigen Mann noch gut in Erinnerung.

Künstler kämpfte in der Artillerie gegen Italien und gehörte zu den letzten Frontsoldaten des Ersten Weltkriegs. In Andreas Novaks ORF-Dokumentation "Kaiser Franz Joseph und der Erste Weltkrieg" (21.05) erinnert er sich in aller Klarheit. Sie fehlt auch dem 110 Jahre zählenden italienischen Gebirgsjäger Delfino Borroni nicht. Im Feindkontakt traf ihn eine Kugel an der Ferse. Um zu überleben, stellte er sich tot und kletterte verletzt die Felswände hinauf zu den Stellungen der Kameraden.

Rare Archivbilder

Den Film sehen können sie nicht mehr: Beide sind inzwischen verstorben. Novak zeichnete ihre Berichte auf. Rare Archivbilder sammelte er in Kranojarsk, Paris, London, Rom, Prag und Budapest. Aufnahmen von psychisch schwerkranken Kriegsheimkehrern zeigen einen weiteren tragischen Nebenschauplatz eines vergessenen Krieges.

Die Doku verlässt sich auf die Kraft von Archiven und Zeitzeugen, von Reenacting, also historische Szenen mit Schauspielern nachzustellen, hält Novak nichts, er schätzt "Authentizität".
Zum 90. Geburtstag der Republik zeigt der ORF in einer Woche Robert Gokls "Ende und Anfang" und am 27. November Maria Magdalena Kollers "Tod im Morgengrauen". (Doris Priesching, DER STANDARD; Printausgabe, 1.11.2008)

"Kaiser Franz Joseph und der Erste Weltkrieg", 13. November, 21.05 Uhr in ORF 2

  • Franz Künstler, zum Zeitpunkt der Aufnahme 108 Jahre alt, erinnert sich an den Ersten Weltkrieg.
    foto: orf

    Franz Künstler, zum Zeitpunkt der Aufnahme 108 Jahre alt, erinnert sich an den Ersten Weltkrieg.

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