"Froh, wenn Teile der Auflagen befolgt werden"

10. November 2008, 19:47
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Das schlechte Image von Währungfonds und Weltbank begründet Jagdish Bhatwati im STANDARD-Interview damit, dass die Institutionen häufig als Ausrede für Reformen herangezogen werden

STANDARD: In Ihrem Buch verteidigen Sie die Globalisierung. Warum das schlechte Image?

Bhagwati: Die Globalisierung zu kritisieren ist modern geworden. Und viele Kritikpunkte, die da angesprochen werden, sind auf den ersten Blick auch nicht falsch. Nur wenn man sich die Kritikpunkte genauer ansieht, merkt man, dass sie entweder zu wenig differenziert oder überhaupt falsch sind. Das ist schade, weil es die Globalisierungsbewegung an sich schwächt und weil damit die notwendigen Verbesserungsschritte nicht gemacht werden.

STANDARD: Bitte ein Beispiel für diese Ihrer Meinung nach undifferenzierte Kritik.

Bhagwati: Die Geschlechterfrage. Wegen der Globalisierung, so wird jedenfalls gesagt, werden Frauenrechte geschwächt. Weil die Frauen in exportorientierte Branche gehen, wo sie rechtlos in Billigjobs arbeiten. Das stimmt schon, aber irgendwann gehen sie in ihre Dörfer zurück. Und dann sind sie unabhängiger als vorher und treten auch so auf. Sie werden zu Vorreiterinnen der Emanzipation.


STANDARD: Die Finanzkrise zieht alle in ihren Bann. Was beobachten sie in Entwicklungs- und Schwellenländern?

Bhagwati: Die Wirtschaft in diesen Ländern ist anfälliger als die in reichen Ländern. Nur die wenigen Länder, die finanztechnisch isoliert vom Rest der Welt sind, sind von der Finanzkrise relativ unbetroffen. Die Rolle als Kriseninstitution, als Feuerwehr, die der Währungsfonds (IWF) derzeit überall spielen muss, musste er in diesen Entwicklungsländern immer schon einnehmen.


STANDARD:
Wie sieht es mit dem Grundproblem von Währungsfonds (IWF) und Weltbank in den Entwicklungsländern aus, wodurch diese Institutionen dort alles andere als beliebt sind?

Bhagwati: IWF und Weltbank knüpfen ihre Kredite bekanntlich an teilweise schmerzhafte Auflagen. Häufig aber werden die Organisationen von den Regierungsvertretern als Ausflucht dafür hingestellt, wenn etwas Unangenehmes durchgesetzt werden muss. Deshalb das schlechte Image bei den Globalisierungsgegnern im Westen und in den armen Ländern auch. Das wird sich nicht ändern. Aber es läuft da noch eine ganz andere Art von Spiel: Die internationalen Institutionen wissen aus Erfahrung, dass sowieso nicht alle Auflagen zur Kreditvergabe eingehalten werden. Und die Regierungschefs wissen das auch. Im Endeffekt sind alle zufrieden, wenn wenigstens ein Teil der Auflagen befolgt wird.

STANDARD: Und Afrika?

Bhagwati: Afrika kommt derzeit besonders wegen der hohen Lebensmittelpreise nicht aus der Krise. Die meisten Länder dort sind abhängig von Nahrungsmittelimporten. Ich denke, wichtig wäre, dass man den Ländern Zugang zu fremden Märkten gibt. Das, was die EU mit dem Programm Everything but Arms macht, das ist sehr richtig. (Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11.11.2008)

Zur Person

Jagdish Bhagwati, geboren 1934 in Bombay, ist Wirtschaftswissenschafter, der als Freihandelsexperte die Welthandelsorganisation und die UN berät. Sein Buch: "Verteidigung der Globalisierung" erschien bei Pantheon.

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