Geboren, um zu kämpfen, was sonst?

10. November 2008, 17:33
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Junge Männer suchen im Kongo mit der Waffe in der Hand Gerechtigkeit - die Geburtenraten zeigen: Die menschlichen Ressourcen erschöpfen sich nicht – Kommentar der anderen von Gunnar Heinsohn

Der kongolesische Rebellengeneral Nkunda aus Kibumba marschiert Ende Oktober 2008 auf Goma am Kivusee. Seine von ethnischen Tutsi dominierte Armee erhält Unterstützung von Stammesgenossen aus dem benachbarten Ruanda. Die rechtfertigen ihre Hilfe damit, dass Goma nicht nur vom regierungstreuen Obristen Delphin Kahimbi, sondern auch von Nachkommen der ruandischen Hutu verteidigt wird, die 1994 beim Völkermord gegen die Tutsi Ruandas blutig gewütet haben. Nach ihren Taten wurden sie zwar in den Kongo ausgetrieben, dort aber niemals vor Gericht gestellt. Deshalb kämpfe man jetzt mit Laurent Nkunda und seinem "Nationalkongress für die Verteidigung des Volkes" (Congrès National pour la Défense du Peuple; CNDP). Der steht immer noch unter Waffen, weil er beim Friedensschluss nach dem Bürgerkrieg von 1998 bis 2003 die in Aussicht gestellten Posten niemals übernehmen konnte.

Oberflächlich mögen solche Begründungen für ein "gerechtes Töten" einleuchten. Und doch wundert sich der Außenstehende, dass Ruanda überhaupt wieder Krieg führen kann. Schließlich schrumpfte seine Bevölkerung durch den Genozid im Jahr 1994 von 6,3 Millionen auf nur noch 5,5 Millionen Anfang 1995. Wo sollen da frische Truppen herkommen? Drängender noch stellt sich diese Frage für den Kongo. Der verliert beim fünfjährigen Gemetzel ja nicht "nur" eine Dreiviertelmillion, sondern siebenmal so viele Menschen. Seitdem sorgen dort 17.000 Mann aus der weltweit größten UNO-Friedenstruppe für Sicherheit. Und im Jahre 2006 passt sogar die deutsche Bundeswehr neben anderen westlichen Soldaten in Kinshasa auf, dass Wahlen frei und demokratisch erfolgen.

All diese Mühen werden aus einer Ecke ausgehebelt, die den meisten Analytikern zu banal erscheint, um sie einer Erwähnung für würdig zu halten. Die vielen und immer wieder anderen Generals- und Obristennamen auseinanderzuhalten, gilt als viel anspruchsvollere Tätigkeit. Und doch wird ohne den gewiss indiskreten Blick in die Kindbetten der betroffenen Länder unverständlich bleiben, warum die Bluträusche zwar Erholungspausen einlegen, aber nicht aufhören.

Obwohl im Kongo zwischen 1998 und 2003 über fünf Millionen Bürger zu Tode geschunden werden, steigt seine Bevölkerung von 49 auf 57 Millionen und steht 2008 sogar bei 67 Millionen Einwohnern - eine Versechsfachung seit den elf Millionen von 1950. Hätte Deutschland sich seit 1950 vermehrt wie der Kongo, stünde das Land nicht bei 80, sondern bei 420 Millionen Einwohnern und wäre die Nummer drei hinter China und Indien. Österreich stünde bei 50 statt bei 8 Millionen und wäre beinahe so stark wie das gesamte K.-u.-k.-Imperium im Jahr 1914.

Die Rekruten von morgen

Beim Bürgerkriegsbeginn 1998 verfügte der Kongo erst über knapp fünf Millionen Männer im besten Kampfalter zwischen 15 und 29 Jahren. 2008 gehörten schon mehr als neun Millionen in diese brisanten Kohorten. Um ihre Schlächtereien und Vergewaltigungen abzustellen, wird einmal mehr nach dem westlichen Bündnis gerufen, das es doch nicht einmal schafft, seine 35.000 Mann Kampftruppen in Afghanistan zu verstärken. Doch eine NATO, die heute käme, könnte dem Kongo ebenso wenig ein friedliches Morgen bescheren wie bei den Wahlen von 2006. Denn hinter Kongos neun Millionen 15- bis 29-Jährigen folgen wuchtige 16 Millionen Burschen unter 15 Jahren, die für die Großtaten von morgen rekrutiert werden können.

Deutschland ist 15 Millionen Einwohner stärker als der Kongo, hat aber nicht einmal sechs Millionen Burschen unter 15 Jahren. Zehn Frauen im Kongo schaffen zusammen 32 Söhne, zehn in Deutschland bringen es gerade auf sieben. Deshalb sind Deutschlands Soldaten meist nicht nur einzige Söhne, sondern sogar die einzigen Kinder ihrer Mütter.

Jetzt sollen sie und andere Europäer wieder in den schwarzen Kontinent. Fallen sie gegen dritte oder vierte Brüder in Afrika, ist ihre Familie genau so ausgelöscht wie beim Tod am Hindukusch, wo zehn Frauen sogar 33 Söhne aufziehen.

Auf tausend deutsche Männer im geruhsamen Alter von 40 bis 44 folgen nur noch 480 Knaben zwischen 0 und 4, im Kongo aber sind es mit 4890 mehr als zehnmal so viele.

Ruanda kann bei der Verfolgung von Völkermördern des Jahres 1994 nur deshalb tatkräftig mitmischen, weil es nach dem genozidalen Niedergang auf 5,5 Millionen im Jahre 1995 mittlerweile auf umwerfende 10,2 Millionen Einwohner hochgeschnellt ist - immer noch einen Verfünffachung seit den 2 Millionen von 1950. Es schafft 5,3 Babys pro Frau, und 4000 Buben zwischen 0 und 4 folgen auf 1000 Männer zwischen 40 und 44. Seine männliche Bevölkerung hat ein Durchschnittsalter von 16,4 Jahren. Damit liegt man zwar hinter den 15,4 des Kongo, aber doch souverän vor Deutschlands 40,4 Jahren.

Ruanda ist also von neuem auf jedwede Gewalt demografisch bestens vorbereitet. Einer von drei Brüdern mag eine Position erlangen, die anderen aber werden bei Unmöglichkeit der Auswanderung nach riskanten Aufstiegswegen suchen. Um nicht bei einem zweiten 1994 zu landen, mag die ruandische Führung deshalb weise handeln, wenn sie ihre hitzige Jugend nicht daheim, sondern im Kongo nach Gerechtigkeit suchen lässt. (DER STANDARD, Printausgabe, 11.11.2008)

Zur Person
Gunnar Heinsohn (Jg. 1943), Soziologe, Ökonom, Zivilisationstheoretiker, lehrt an der Uni Bremen.

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