Hintergrund: Kaliningrad, quo vadis?

10. November 2008, 15:56
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Kaliningrad bricht auf - Nur wohin ist noch nicht klar: Zwischen Spielhölle und Sonderwirtschaftszone ist alles möglich

Die Würfel für Kaliningrads Zukunft sind gefallen - und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Bis Juli 2009 soll Glückspiel in Russland nur mehr an vier Orten gesetzlich erlaubt sein. Einer davon ist Kaliningrad: An der Bersteinküste soll zwischen Primorsk und Jantarnyj ein mehr als 1000 Hektar großes Casino-Areal entstehen. Konkrete Pläne zur Umsetzung dieses "Las Vegas"-Projekts gibt es allerdings noch nicht.

Nicht nur "Spielertourismus" soll der Exklave zum Aufschwung verhelfen, auch für die Vermarktung von Kaliningrads Naturschönheiten wird laut Michael Gorodkov an einem Konzept gebastelt. Gorodkov ist für die Wirtschaftabteilung der Kaliningrader Gebietsregierung tätig und unterrichtet Wirtschaft und Finanzwesen an der Kant Universität.

UNESCO Weltkulturerbe

Berühmt ist das Kaliningrader Gebiet vor allem für die kurische Nehrung: eine gut 100 Kilometer lange Landzunge, die die Ostsee von einer Süßwasserlagune trennt: dem kurischen Haff. Auf der Nehrung, die selten mehr als einen Kilometer breit ist, findet man die höchsten Wanderdünen Europas. Der südliche Teil gehört zu Kaliningrad, der nördliche zu Litauen. Die UNESCO erklärte die kurische Nehrung im Jahr 2000 zum Weltkulturerbe.

In dem Nationalpark soll das Tourismusangebot ausgebaut werden: Neben mehreren Hotels und Yachtclubs steht auch ein ornithologisches Institut am Plan. Ein Radweg über die Nehrung ist ebenfalls in Gespräch.
Swetlogorsk (das frühere Rauschen) und Zelenogradsk (das frühere Cranz) zählten schon zu Königsberger Zeiten zu den beliebtesten Badeorten an der Ostsee; Swetlogorsk soll derzeit gar der schönste Ort im ganzen Kaliningrader Gebiet sein, den viele betuchte Moskauer zur Sommerfrische nutzen.

Kaliningrad als attraktive Tourismusregion zu verkaufen, ist trotzdem schwierig: Das Preisniveau in der russischen Exklave liegt höher als in Polen oder Litauen, das Angebot im Vergleich relativ schlecht. Gut 80 Prozent der Touristen in Kaliningrad kommen aus St. Petersburg oder Moskau. Die Heimwehtouristen aus Deutschland, die nach 1991 ins Land strömten, werden kontinuierlich weniger. Das Hauptproblem sieht Michael Gorodkov in der Visafrage - EU-Bürger können problemlos nach Litauen fahren, um die kurische Nehrung zu besichtigen, für Kaliningrad ist ein Sichtvermerk notwendig.

Kein russisches Hongkong

Wirtschaftlich befindet sich Kaliningrad im Aufwind: Das Bruttosozialprodukt ist 2007 im Vergleich zu 2006 um 40 Prozent gewachsen, die Industrieproduktion sogar um 160 Prozent.
Dafür hatte die Exklave lange zu kämpfen. Seit 1996 ist das Gebiet eine Sonderwirtschaftszone - der Traum vom russischen Hongkong war jedoch bald ausgeträumt. Investoren wurden von der unsicheren Rechtslage und von groben Infrastrukturplänen abgeschreckt: Anschlüsse an Wasser, Strom und Gas waren bislang keine Selbstverständlichkeit.

Das mag erklären, warum erst 54 Unternehmen sich von den steuerlichen Vorteilen der Sonderwirtschaftszone (keine Gewinn- und Vermögenssteuer in den ersten sechs Jahren, nur die halbe in den nächsten sechs) anlocken haben lassen - darunter BMW und der deutsche Babynahrungsmittelhersteller HIPP, der vom Kaliningrader Werk aus das russische Kernland beliefern will.

BMW produziert in Kaliningrad keine Autos, sondern lässt sie zusammensetzen - die Einzelteile werden in die Exklave geliefert, dort montiert und dann zollfrei nach Russland verkauft. Laut Gorodkov werden hier nach diesem Prinzip auch 80 Prozent der Fernseher in ganz Russland zusammengeschraubt.

Die Sonderwirtschaftszone soll Kaliningrad 11.000 zusätzliche Arbeitsplätze beschert haben. Gorodkov gibt an, dass der Durchschnittslohn in Unternehmen der Sonderwirtschaftszone bei 18.000 Rubel (rund 530 Euro) liegt - um 2.000 Rubel (umgerechnet 60 Euro) höher als bei anderen Firmen.

Kaliningrad sucht übrigens nicht nur nach Investoren, sondern auch Einwohnern: Die Exlave leidet unter Bevölkerungsrückgang. Um die Migration zu fördern, verspricht die Gebietsregierung jedem russischen Staatsbürger, der nach Kaliningrad kommt Unterstützung bei der Arbeitsplatzsuche und beim Wohnungskauf. Diese Maßnahme soll heuer mindestens 10.000 Russen in die Exklave locken. (nb, derStandard.at, 10.11.2008)

 

  • Michael Gorodkov
    foto: derstandard.at/bojar

    Michael Gorodkov

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