Piercings und unkonventionelle Fragen

10. November 2008, 17:19
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Nicht nur Auftreten und Unterlagen spielen im Bewerbungsprozess bei Personalisten eine Rolle - Auch auf Fragen wie "Was muss Ihr Snowboard können?" muss man gefasst sein

"Ich suche eine neue Herausforderung." "Ich sehe mich gerne mit neuen Aufgaben konfrontiert." "Ich wurde in meinem vorherigen Job nicht genug gefordert."

Fragen Personalisten nach dem Motiv für die Bewerbung, müssen sie sich oft eine Reihe an Standardantworten anhören. Wird einem Interessenten wiederholt dieselbe Frage gestellt, kommt oft der wahre Grund zum Vorschein. "Spätestens beim dritten Mal Nachfragen geben Bewerber eine Antwort, die sie nicht bereits vorbereitet hatten. Dann hört man meist die ehrlichen Antworten", sagt Margarete Huber, Geschäftsführerin des Personalberatungsunternehmens Unitis. Huber weiß wovon sie spricht. Sie ist seit mehr als zehn Jahren in der Personalberatung tätig und gibt Bewerbungscoachings zum Thema optimale Bewerbung. Zugleich trainiert sie die "Gegenseite" im Bereich Personalauswahl und Recruiting.

Auf welchem Weg bewerben?

Die Möglichkeiten mit dem gewünschten Arbeitgeber in Kontakt zu treten, sind vielseitig. Doch gibt es einen "Idealweg" im Bewerbungsprozess? "Grundsätzlich soll man sämtliche Kanäle verwenden", rät Huber. Dazu zählt die Bewerbung auf eine ausgeschriebene Stelle genauso wie ein Jobprofil im Internet anzulegen. Kontakte und Beziehungen in die gewünschte Branche, Firmenmessen oder Initiativbewerbungen sind weitere Möglichkeiten. Ausschlaggebend um dem gewünschten Job näher zu kommen, ist meist nicht der Weg, auf dem der Kontakt zum Unternehmen gesucht wird, sondern Bewerbungsunterlagen und -gespräch.

Bewerbungsunterlagen: einfach und übersichtlich

Die wichtigsten Punkte im Bewerbungsprozess sind die Unterlagen und das Bewerbungsgespräch bestätigt auch Bewerbungscoach Huber. Bewerber müssen es schaffen, aus einem Stapel an Bewerbungen ausgewählt zu werden. Bei den Unterlagen ist Einfachheit und Übersichtlichkeit wichtig: "Auf den ersten Blick soll erkennbar sein, wofür sich ein Kandidat eignet. Personalisten schauen sich nicht alle Bewerbungen, sondern nur die besten genauer an", so die Expertin. Huber gibt den TeilnehmerInnen ihres Coachings folgenden Tipp: Sehen Personalisten den Lebenslauf aus 1,5 Metern Entfernung an, muss für sie erkennbar sein, wofür sich der Bewerber eignet". Dazu ist es ratsam Schlüsselpositionen und -qualifikationen, die genau auf den beworbenen Job zutreffen, hervorzuheben.

Digitale Bewerbung in Briefform

Der Bewerbungsprozess hat sich in den letzten Jahren geändert. Ein Großteil der Unternehmen bevorzugt aufgrund der einfacheren Administration Bewerbungen per E-Mail: "Noch vor 10 Jahren sind 90 Prozent der Bewerbungen per Post gekommen, heute bewerben sich 98 Prozent per E-Mail. Ihren Coaching-Teilnehmern rät Huber zur elektronischen Bewerbung, die Gestaltung solle aber die gleiche sein wie eine Bewerbung per Post, nämlich in Briefform. Die "schön gestaltete Bewerbungsmappe" hat dennoch nicht ganz ausgedient: Zum Mitnehmen zu einem Bewerbungsgespräch macht sie immer noch einen guten Eindruck, empfiehlt Huber.


Piercings, Tatoos und schlechte Kleidung

Schaffen es BewerberInnen bis zum Vorstellungsgespräch, ist unter anderem der erste Eindruck entscheidend. "Ein gewisses Auftreten gehört zu jeder Arbeit dazu. Unsere Bewerber halten sich an einen gewissen Kodex", sagt Alexander Kainer, Projektleiter beim Strategieberatungsunternehmen Roland Berger. Er hatte diesbezüglich noch nie ein Problem mit seinen Bewerbern. "Die Jobchancen verringern sich aufgrund von unpassendem Auftreten, wie schlechter Kleidung, oft auch Piercings oder Tätowierungen", erklärt Personalberaterin Huber. Die Toleranz der Unternehmen in punkto Auftreten hängt aber stark von der jeweiligen Position ab, für die sich Interessenten bewerben. "Ein Piercing ist es bei vielen Unternehmen in Österreich immer noch ein Nachteil", sagt Huber. In Absprache mit dem Unternehmen, für das sie Mitarbeiter aussucht, kläre sie in diesem Fall, ob ein Piercing oder eine Tätowierung ein Problem darstelle.

Das Bewerbungsgespräch

Zu Beginn eines Vorstellungsgespräches wird meist der Lebenslauf und der berufliche Werdegang thematisiert. Danach wird häufig nach dem Beweggrund für die Bewerbung und die Qualifikationen für die ausgeschriebene Stelle gefragt. Auf diese Art von Standardfragen müssen sich Bewerber gefasst machen.

Alexander Kainer prüft seine Bewerber durch Einzelinterviews und die Lösung einer Fallstudie auf Problemlösungsfähigkeit, strukturiertes Denken und Flexibilität. Dabei müssen sich Interessenten neben den erwarteten Fragen, auch auf Ungewöhnliches gefasst machen: "Stellen sie sich auf ihr Snowboard. Was muss ihr Board können?" Der Projektleiter versucht Interessenten durch ungewöhnliche Fragen für einen kurzen Moment aus dem Gleichgewicht zu bringen. Er knüpft dabei unter anderem bei den Hobbys der Bewerber an. Auf diesem Weg testet Kainer die Flexibilität seines Gegenübers: "Wichtig ist, wie sich ein Bewerber auf das Gegenüber einstellen kann. Das ist in unserem Job von großer Bedeutung und wird unter anderem durch das Abweichen von Standardfragen getestet", so Kainer.

Ebenfalls Fixpunkt vieler Gespräche: die Gehaltsvorstellung. Alleine der Gedanke daran löst bei vielen Bewerbern ein unangenehmes Gefühl aus. Doch gerade bei diesem Punkt ist es wichtig, einen kühlen Kopf zu bewahren: "Man muss einen Betrag nennen können, auch wenn es ein Gehaltsrahmen ist. Zögern wirkt unprofessionell", so Huber. Bewerber sollen das verlangen, was sie glauben, wert zu sein. Geht der künftige Arbeitgeber nicht darauf ein, ist es wichtig zumindest die eigene Gehalts-Untergrenze zu kennen. (Ursula Schersch, derStandard.at, 10.11.2008)

 

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    "Die Jobchancen verringern sich aufgrund von unpassendem Auftreten, wie schlechter Kleidung, oft auch Piercings oder Tätowierungen", sagt Margarete Huber, Geschäftsführerin des Personalberatungsunternehmens Unitis.

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