Die Aktualität des Radikalen

9. November 2008, 18:56
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"Wien Modern" widmet Karlheinz Stockhausen einen ganzen Abend

Wien - Zu Beginn des am Freitag im Rahmen von "Wien Modern" veranstalteten Stockhausen-Konzertes war der Große Saal des Wiener Konzerthauses bis auf den letzten seiner 1865 Sessel besetzt. Nach der Pause bot sich ein anderes Bild: Da waren die Reihen schon etwas gelichtet. Und bevor sich das Wiener Radio-Symphonieorchester zur Wiederholung der Aufführung von Karlheinz Stockhausens immerhin 25 Minuten währenden Gruppen für drei Orchester anschickte, türmten die Zuhörer gleich scharenweise.

Mit ihrem Exodus bestätigte die nach wie vor erfreulich zahlreiche Klientel von Wien Modern eine Feststellung, die der Komponist im Kommentar zu seinen Klavierstücken trifft, nämlich, dass der Mensch diese Musik tiefer erlebt, als er denkt. Wollte man nämlich das Kunstdenken von Karlheinz Stockhausen (1928-2007) auf einen gemeinsamen Nenner bringen, so wäre sein stetiger Kampf gegen die ein- und abgeschliffene Routine des traditionellen Musikerlebnisses ein möglicherweise brauchbarer Ansatz.

So sieht der Komponist in seinen frühen Klavierstücken, die Marino Formenti eingangs mit hoher Konzentration fast explosiv zum Erklingen brachte, eine kreative Alternative zur totalen Determiniertheit der elektronischen Musik. Er betont den Stellenwert der Pausen, die den Zuhörer lehren sollen, "ebenso Vielfältiges zu erleben wie in den Klängen".
Allerlei Irritierendes

In der Elektronik selbst, für die an besagtem Abend Stockhausens zumindest dem Titel nach weithin bekannter Gesang der Jünglinge als Beispiel diente, werden die Hörgewohnheiten des Publikums in anderer Weise irritiert. Nicht nur, dass die aus dem dritten Buch Daniel entnommenen Textzitate größtenteils nur wie Bandaufnahmen von Jenseitsstimmen fragmentarisch aufblinken und akustisch mit Elektroklängen bis zum Verwechseln verschmelzen, lenkt Stockhausen die Klänge durch entsprechende Montage der Lautsprechergruppen aus verschiedensten Richtungen gegen den Hörer.

Dies alles summiert sich in den Gruppen für drei Orchester, die auf dem Podium sowie an den beiden Längsseiten des Saales postiert sind. Von Jean Deroyer, Rupert Huber und Matthias Hermann geleitet, entwickeln sie eine funktionelle Raummusik, in deren Verlauf jedes Orchester für sich tätig wird, bald aber wieder in Form von Antiphonien auf ein anderes reagiert, sich zeitweise sogar mit einem anderen verschmilzt, um sich dann aber wieder zu entfernen. Dass sich das alles einfacher liest, als es zu erleben war, hat ein beträchtlicher Teil des Publikums mit seinem Auszug bewiesen. Das Radikale ist noch immer unbeliebt. (Peter Vujica, DER STANDARD/Printausgabe, 10.11.2008)

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