Ségolène Royal meldet sich zurück

7. November 2008, 17:26
2 Postings

Die Ex-Präsidentschaftskandidatin hat unerwartet einen wichtigen Etappensieg bei der Nachfolge von Parteichef Hollande errungen

Die Sozialisten an der Basis stimmten für ihr Programm.

233.000 Mitglieder des Parti Socialiste (PS) sind seit Donnerstag aufgerufen, den Nachfolger für den abtretenden Parteisekretär François Hollande zu bestimmen. Das Verfahren zieht sich über mehrere Tage hin und ist noch komplizierter als die US-Präsidentenwahl.

In einer ersten Runde wurde über sechs Kandidatenprogramme – sogenannte Motionen – abgestimmt. Deren Verfasser erhalten beim Parteitag in Reims in einer Woche entsprechend der erreichten Stimmen eine gewisse Zahl an Delegierten; diese wiederum wählen dann einen neuen Parteichef. Oder eine neue Chefin: Neben dem Pariser Bürgermeister Bertrand Delanoë (58) kandidieren zwei Frauen, Martine Aubry (58) und Ségolène Royal (55) – wobei Royal offen lässt, ob sie selbst die Partei führen oder sich lieber die nächste Präsidentschaftskandidatur sichern will.

Favorit Delanoë wurde von der Finanzkrise auf dem falschen Fuß erwischt und büßte seinen Vorsprung in den Umfragen ein: Seine Motion erhielt, wie am Freitag bekannt wurde, nur enttäuschende 25 Prozent der Stimmen. Die meisten Mitglieder, nämlich 29 Prozent, scharte Royal hinter sich. Die unterlegene Präsidentschaftskandidatin von 2007 zählt zwar wie Delanoë zum rechten Parteiflügel, erkannte aber, dass den Parteigängern der Sinn nach einem klaren Linkskurs steht; sie gab deshalb an, das sozialdemokratische Modell sei "abgelaufen" ; die Krise des Kapitalismus rufe nach klar sozialistischen Antworten. Die frühere Sozial- und Arbeitsministerin Aubry erhielt wie Delanoë 25 Prozent der Stimmen. Einen Achtungserfolg erzielte die Motion des linken Parteiflügels um den bisher kaum beachteten Jungkandidaten Benoît Hamon mit 19 Prozent.

Das enge Ergebnis zwingt die Motionen-Führer, sich im Hinblick auf den Parteitag in Reims zusammenzuraufen. Die verschiedensten Kombinationen sind denkbar; nicht auszuschließen ist namentlich ein Schulterschluss zwischen Delanoë und Aubry, was dem Pariser Bürgermeister doch noch zum begehrten Posten des Parteichefs verhelfen würde.

Wie groß das Misstrauen aber zwischen den einzelnen Chefs ist, zeigte sich, als sich der – an sich zur Neutralität verpflichtete – Hollande weigerte, den Etappensieg Royals anzuerkennen. Dies fiel umso mehr auf, als Hollande und Royal bis letztes Jahr noch Lebenspartner waren; sie haben zusammen vier Kinder. Der prominente Altsozialist Michel Rocard hatte mit Parteiaustritt gedroht, falls Royal – die er auch schon als "dumme Gans" bezeichnete – gewählt werde. (Stefan Brändle aus Paris/DER STANDARD, Printausgabe, 8.11.2008)

Share if you care.