Die neue Transparenz bei Jobkürzungen

6. November 2008, 09:57
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Im Web 2.0 verbreitet sich alles blitzschnell, besonders Bad News wie Jobkürzungen in Unternehmen - Viele US-Firmen gehen in die Offensive und kündigen in Blogs ihre Maßnahmen an

In früheren Zeiten des konjunkturellen Abschwungs wurde Personalabbau oder Kündigungen von großen Unternehmen in Pressemitteilungen gerne mit dem Euphemismus "Gesundschrumpfen" verkauft und kleine Unternehmen oder Start-ups trennten sich von Mitarbeitern, ohne dies an die große Glocke zu hängen. In Zeiten des Web 2.0, in denen alles im Internet schnell die Runde macht, ist es mit dieser "stillen" Strategie bei Jobkürzungen vorbei. Immer mehr US-Unternehmen treten den Schritt nach vorn an, und veröffentlichen auch unangenehmere Firmennachrichten in Blogs.

"Wir mussten etwas unternehmen, um weitere Artikel zu verhindern, die womöglich falsche Fakten enthalten"

Wie etwa Tesla Motors, ein Hersteller von Elektrosportwagen im kalifornischen San Carlos. Da sein Unternehmen von Investoren aufmerksam beobachtet werde, habe er keine andere Möglichkeit gehabt, als die für 15. Oktober wegen der Automarktkrise geplanten Stellenstreichungen im Web zu bloggen - obwohl einige Mitarbeiter noch keine Ahnung von ihrem Jobverlust hatten, sagte CEO Elon Musk der New York Times. Die Begründung: Valleywag, ein beliebter Klatsch-Blog über das Silicon Valley, hatte von den Jobkürzungen - 87 Personen, ein Viertel der Belegschaft - Wind bekommen und dies prompt veröffentlicht. "Wir mussten etwas unternehmen, um weitere Artikel zu verhindern, die womöglich falsche Fakten enthalten."

Für so gut wie jede Branche gibt es in den USA spezielle Weblogs, die jedes Gerücht über Firmen online stellen - von starbucksgos sip.typepad.com, über dealbraker. com für die Finanzindustrie bis hin zu BlueOvalNews.com, wo der Autohersteller Ford ins Visier genommen wird. Damit nicht genug: Webseiten wie Glassdoor.com oder JobSchmob.com ermutigen obendrein das arbeitende Volk - anonym - seine unliebsamen Chefs an den Online-Pranger zu stellen.

Alles endet im Blog

"Alles, was man heutzutage innerhalb eines Unternehmens sagt, endet irgendwann in einem Blog", ist Rusty Rueff, ehemaliger Personalmanager bei Electronic Arts und PepsiCo überzeugt. Statt abzuwarten, schlagen daher immer mehr Unternehmen den Weg in die Offensive ein. Besonders Internetfirmen, von denen viele mit dem Anspruch gestartet sind, Angebote zu entwickeln, die dem Nutzer zu mehr Transparenz und Durchblick verhelfen. Hatten sie zuvor die Blogs dazu genutzt, Informationen über ihren Erfolg zu streuen, fühlen sich jetzt, da schlechtere Zeiten vor der Tür stehen, verpflichtet, die Transparenz auch bei schlechten Nachrichten zu pflegen. Vielleicht auch ein wenig mit dem Hintergedanken, dass ein Eintrag in einem Blog besser ankommt als eine Pressemitteilung.

Und wie die Praxis bisher zeigt, ernten viele Unternehmen, die ihren Mitarbeiterabbau proaktiv in Blogs kundtun darauf ein positives Echo. Viele Leser zeigen in ihren Kommentaren Verständnis für die Maßnahmen in der gegenwärtigen Wirtschaftssituation.

Lektion

Noch sind es vor allem kleine Unternehmen in den USA, die diesen Kommunikationsweg bei Kündigungen einschlagen. Eine Lektion, die große Unternehmen erst noch lernen müssten, meint US-Blog-Experte Andy Sernovitz. Viele hätten noch immer nicht begriffen, dass die Zeiten, in denen mit traditioneller PR-Arbeit die Nachrichten gesteuert werden konnten, vorbei sind. (kat) In Weblogs lässt sich so gut wie alles sagen: Mitarbeiter können ihren Ärger über den Chef rauslassen, Unternehmen schreiben, dass sie gezwungen sind, Leute zu kündigen. (kat, DER STANDARD/Printausgabe vom 6.11.2008)

  • "Alles, was man heutzutage innerhalb eines Unternehmens sagt, endet irgendwann in einem Blog"
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    "Alles, was man heutzutage innerhalb eines Unternehmens sagt, endet irgendwann in einem Blog"

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