Sehnsucht nach einem "Austro-Obama"

5. November 2008, 21:31
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Was Markus Rogan in Miami am Wahlabend durch den Kopf ging

Anfänglich angespannt, dann mit zunehmender Begeisterung verfolge ich das Geschehen in einer Bar in Miami. Draußen hupen die Autos, die Leute tanzen auf der Straße. Man spürt: Heute hat etwas den Weltenlauf verändert ...

Aber warum werde ich, als Österreicher, vom Sieg Obamas so mitgerissen? - Ein Gedankenspiel: Wie würden die österreichischen Wahlen wohl ausgehen, wenn sie nach US-Muster verliefen?

Wir hätten dann also nur zwei große Fraktionen, die Volksrepublikaner und die Sozialdemokraten (by the way: In den USA sind just die Wähler, die sich mit keiner der beiden so richtig identifizieren können und die in Österreich von der FPÖ abgefangen werden - sozial konservativ, wirtschaftlich illiberal - durch ihr Wechselverhalten paradoxerweise wahlentscheidend). Die Parteisymbole der Vorbilder müssten allerdings ein wenig abgeändert werden, um unnötige Verwirrung zu vermeiden: Die Amerikaner wählen bekanntlich zwischen blauen Eseln und roten Elefanten. Mögliche Austro-Alternativen: ein LH-Pröll-inspirierter schwarzer Weißkopfadler für die grand old Volksparty, ein Bruno-inspirierter Rotbarsch für die Demokraten. Weiters führte das Wahlmänner-System in Österreich zu manch absurder Entscheidungsdynamik: Wechselseitige Angriffe auf die Rotbarsch-Hochburg Wien bzw. den Schwarz-Adler-Palast in St. Pölten würden sich nach dem Winner-takes-it-all-Prinzip wohl erübrigen. Der "eigentliche" Wahlkampf fände vielmehr in den Swing-Bundesländern statt - und die Wahlentscheidung im Raum Graz und Umgebung. Die Steiermark ist ja eh ein bisschen wie Florida - viel Sonne und charmant-schrullige Bewohner mit viel Sinn für Eigensinn. Nur gibt es bei uns ein funktionierendes Wahlzettelzählsystem.

Zu bedenken ist auch, dass wir dann Kanzler und Präsident in Personalunion wählen würden und daher die Personifizierung und Celebritysierung der Spitzenkandidaten möglicherweise bedenkliche Dimensionen annehmen könnte.

Denkbares Szenario: Die Schwarz-Adler scharen sich, nach einer beeindruckend erfolglosen Legislaturperiode, um einen Renegade mit Terminator-Power und Heldenstatus. Was für die Amerikaner John McCain, könnte bei uns vielleicht Niki Lauda sein. Als Vizepräsidentschaftskandidatin stelle ich mir die perfekte Vorstadtmutter Fiona Grasser vor, die mit selbstgepflanzten Gurken vielleicht noch volksnäher wirkt als Sarah Palin auf der Elchjagd.

Wer aber wäre der Rotbarsch-Kandidat? Unser Pendant zu Obama? Ein glücklich verheirateter, gebildeter, international aufgewachsener, engagierter und einer Minderheit angehörender cooler Feschak also, der Politikverdrossene begeistern kann? - Mhm ...

Warum haben wir in Österreich nicht so jemanden? Müssen wir uns wirklich mit einer Wahlsaison zufriedengeben, dessen "Höhepunkt" der Unfalltod eines berauschten Regionalpolitikers samt medialen Begleitumständen war?

Hier in der in Bar in Miami, umgeben von Yankees, Yuppies, Wannabees und Veterans, voller Gangstas, Allstars und Babyboomer, Expats und Americans, hier steht alles still, wenn Obama mit seiner Familie vor die Kamera tritt und zu seiner Siegesrede ansetzt. Alle hier in der Bar, alle hier in Miami, alle hier in Florida, alle hier in Amerika, egal ob sie McCain oder Obama gewählt haben, hören zumindest in diesem historischen Augenblick zu. - Ich wünsche mir jedenfalls, dass ich den Tag erleben kann, an dem Österreich seinen politischen Stillstand überwindet und Politiker hervorbringt, auf die wir stolz sein können. (DER STANDARD, Printausgabe, 6.11.2008)

 

Markus Rogan, österreichischer Schwimm-Weltrekordler, derzeit in Florida.

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