Molekular-Tänze und biblische Analysen

29. Oktober 2008, 18:21
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Grenzenloser Jour fixe im Kunsthaus - Wissenschaft, Ethik und Kunst: Ein "Dreierpaket, das sich ständig gegenseitig beeinflusst"

Graz - Gemeinhin gelten sie als zwei unversöhnliche Kulturen: die Kunst und die Wissenschaft. Genau zwischen diesen beiden Sphären suchten am Dienstagabend die Biochemikerin Renée Schroeder, der Theologe, Kunsthistoriker und Hochschulseelsorger Alois Kölbl und der Kognitionswissenschafter und Schriftsteller ("Verhalten", Tropenverlag 2002) Thomas Raab nach Antworten. Gestellt bekamen sie die dazugehörigen Fragen von STANDARD-Kolumnist Gerfried Sperl beim 22. Kunsthaus Jour fixe in Peter Pakeschs blauer Blase in Graz.

Schroeder brachte dabei aus ihrem Berufsalltag ein klares Modell der Beziehungen zwischen Wissenschaft, Ethik und Kunst mit. Das ist ein "Dreierpaket, das sich ständig gegenseitig beeinflusst". Vor allem, wenn es um die Vorstellungskraft gehe, die man als Naturwissenschafterin immer wieder brauche, greife die Wissenschaft gerne zu Darstellungsformen der Kunst. Schroeder selbst arbeite gerade an einem "Tanz mit hunderten Tänzern, die tatsächlich Künstler sind", um Molekül-Faltungen darzustellen.

Der gebürtige Grazer Thomas Raab sah sich zwar als zum Abend passendes "Zwitterwesen" zwischen Kunst und Naturwissenschaft, hatte aber keine Lust, auf die "Romantiktube" zu drücken. Ganz nüchtern, aber durchaus kurzweilig, ortete er in den Historien von Wissenschaft und Kunst aber auch Gemeinsamkeiten, sei doch die "moderne Kunst zeitgleich" mit den modernen Wissenschaften entstanden.

Das Podium kam überein, dass Kunst durch Erschaffen von Utopien das Denken antreiben kann. "Wir beginnen Grenzen zu überschreiten, wo wir nicht mehr nur bei den Fakten bleiben", so Schroeder, "dort werden wir interdisziplinär und brauchen Stimuli". Kölbl brachte ein biblisches Beispiel für "Science und Fiction": Die Apokalypse könne man nämlich auch als "Zeitanalyse" lesen. Auch die Diskussion sprengte thematische Grenzen. So blieb die Frage unbeantwortet, wo genau zwischen Wissenschaft und Fiktion die Theologie hingehört. (Colette M. Schmidt/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30. 10. 2008)

  • Renée Schroeder erzählte Gerfried Sperl von Grenzüberschreitungen.
    foto: lackner

    Renée Schroeder erzählte Gerfried Sperl von Grenzüberschreitungen.

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