"Sprengen den sozialen Wohnbau in die Luft"

29. Oktober 2008, 11:31
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Ständig steigende Kosten untergraben die immer noch recht hohe Zufriedenheit mit dem sozialen Wohnbau. Gemeinnützigen-Obmann Karl Wurm forderte daher eine "neue Einfachheit" beim Bauen

Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern ist Wohnen in Österreich immer noch recht erschwinglich. Aber vor allem für junge Menschen ist die Suche nach günstigen Wohnungen zuletzt immer schwieriger geworden, berichteten der Bundesobmann der Gemeinnützigen, Karl Wurm, und der Sozialforscher Günther Ogris zum Auftakt des Wohnsymposiums.

So sind Wohnkosten innerhalb von zehn Jahren um ein Drittel gestiegen, angetrieben durch explodierende Grundstückspreise, höhere Errichtungskosten und steigende Energiepreise, sagt Wurm. Zwar schneiden die Gemeinnützigen mit einem Anstieg der Durchschnittsmieten um neun Prozent von 5,3 auf 5,9 Euro pro Quadratmeter besser ab als die Privaten, wo Mieten von 5,7 auf acht Euro gestiegen sind.

Aber auch im eigenen Sektor geht der Trend stetig aufwärts, warnt Wurm. "Die Baukosten sind für uns Bauträger jenseits von Gut und Böse, mit Anboten, die 20 bis 30 Prozent über den von der Förderung tolerierten Kosten liegen. Das kann so nicht weitergehen!"

Gefährliche Qualitätsspirale

Denn auch der Drang der Bauträger zu immer höherer Qualität trage zum Preisauftrieb bei, räumt der Bundesobmann selbstkritisch ein. "Wie lange können wir das Fest, das wir im sozialen Wohnbau gefeiert haben, weiterfeiern? Wir leben hier über unsere Mittel. Wir haben uns in eine Qualitätspirale hineinverstiegen, die wir nur noch schwer bremsen können. Unter dem Titel einer noch höheren Qualität werden Dinge produziert, für die dann andere zahlen müssen."

Immer öfter werde nur für eine kleine gehobene Mittelschicht gebaut, die gerade noch in die Förderkategorien hineinfällt. Mehr Einfachheit sei notwendig, betont Wurm, auch wenn er wisse, dass dies bei Architekten unpopulär sei. "Aber muss es wirklich immer das Beste sein, vor allem im sozialen Wohnbau? Wenn wir so weitermachen, dann sprengen wir den sozialen Wohnbau in die Luft."

Von der Politik fordert Wurm die Einführung einer eigenen Widmungskategorie für sozialen Wohnraum, damit der Sektor so wieder zu mehr leistbaren Grundstücken kommt. "Aber wir müssen auch fragen, was wir selbst tun können. Die Baupreise sind wieder gesunken, aber in den Anboten habe ich noch nichts davon gesehen."

Qualitätsverbesserung

Ein etwas weniger pessimistisches Bild zeichnet Günther Ogris vom Sora-Institut. Einerseits habe es in den letzten 15 Jahren keine Realeinkommensteigerungen gegeben, die Einkommenschere sei weiter aufgegangen. Andererseits habe sich dank der Hochkonjunktur der letzten zwei Jahre und des daraus resultierenden Beschäftigungrekords die Zahl der Armutsgefährdeten deutlich reduziert. Und gleichzeitig sei in diesem gesamten Zeitraum die Wohnzufriedenheit stetig gestiegen. "Das hängt mit der Qualitätsverbesserung im Wohnen zusammen. Die Durchschnittsgröße der Wohnungen ist jedes Jahr um einen Quadratmeter gestiegen, die Zahl der Zimmer von 2,7 auf 3 pro Wohnung."

Von dieser Tendenz hätte auch das unterste Fünftel der Bevölkerung profitiert - Alleinerzieher, Zuwanderer und andere Niedrigverdiener. "Die Ausnahme sind Junge, die wegen der gestiegenen Preise einen Qualitätsverlust akzeptieren müssen. Sie können sich das Wohnen nicht mehr leisten."

Gesunkene Zufriedenheit

Bis vor kurzem seien die Wiener auch mit dem Mietniveau zufrieden gewesen, "die aktuelle Teuerungswelle macht das Problem neu auf. Plötzlich finden nicht nur die Ärmsten Wohnen zu teuer, sondern auch die Mittelschicht. In der jüngsten Untersuchung ist die Zufriedenheit mit Preis/Leistung dramatisch gesunken."

Der Anteil der Wohnkosten am Haushaltsbudget ist von einem Fünftel auf ein Viertel gestiegen, und jeder zehnte Haushalt gibt bereits mehr als die Hälfte für Wohnen aus - vor allem Jüngere, Arbeiter, Zuwanderer und Menschen im privaten Mietbereich. Ogris: "Junge Bürgerliche haben dieses Problem nicht, die bleiben einfach länger im Hotel Mama."

Anders als Wurm sieht Ogris in weniger Qualität keine Antwort. "Gut zu wohnen heißt, dass man Freunde zum Essen einladen und sich immer noch einen Urlaub leisten kann. Dies muss das Ziel sein. Wir müssen auch den Arbeitern von Wien Wohnungen zu Verfügung stellen, in denen auch ihre Kinder eine Zukunft haben." (Eric Frey, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 29.10.2008)

  • Karl Wurm, Obmann der österreichischen Gemeinnützigen (li.), und
Günther Ogris, Geschäftsführer des Sora-Institutes für Sozialforschung,
sehen vor allem die Jüngeren als Opfer der steigenden Wohnkosten.
Einfache Lösungen sind für beide nicht in Sicht.
    fotos: standard/newald

    Karl Wurm, Obmann der österreichischen Gemeinnützigen (li.), und Günther Ogris, Geschäftsführer des Sora-Institutes für Sozialforschung, sehen vor allem die Jüngeren als Opfer der steigenden Wohnkosten. Einfache Lösungen sind für beide nicht in Sicht.

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