Wenn ein Patient 25-mal abgehorcht wird

28. Oktober 2008, 18:54
13 Postings

Bis 2011 soll es 1050 zusätzliche Medizin-Studienplätze geben - Die drei Med-Unis fürchten, dass die Aufstockung auf Kosten der Ausbildungsqualität geht

Wien - Wenn fünf Studierende versuchsweise einen Patienten abhorchen oder eine Patientin abklopfen oder sich sonst wie an ihm oder ihr zu schaffen machen oder einfach nur um das Bett herumstehen und zuschauen, dann geht das ja noch. "Aber wenn sie 25-mal abgehorcht werden, dann werden auch die Patienten aufbegehren", warnt der Betriebsratsvorsitzende der Medizin-Uni Innsbruck, Martin Tiefenthaler. Das nämlich könnte passieren, wenn - wie von SPÖ, Grünen und FPÖ noch vor der Wahl beschlossen - die Medizin-Studienplätze bis 2011 wirklich um 1050 auf 2400 aufgestockt werden sollten. Denn irgendwie müssen die angehenden Mediziner ja ihren Job lernen, auch am lebenden Objekt.

Mit den bestehenden Kapazitäten der drei Medizin-Universitäten in Wien, Graz und Innsbruck seien die zusätzlichen Studierenden aber nicht adäquat auszubilden, warnen Med-Uni-Vertreter. "Die Erhöhung der Plätze wird eine Verschlechterung der Ausbildung bringen, wenn nicht ausreichend finanziert wird", sagt Tiefenthaler.

Derzeit arbeiteten die Med-Unis "mit einem sehr ambitionierten Studienplan", der auf frühen Patientenkontakt und viel Kleingruppenunterricht setze. Es mache einen großen Unterschied, ob er im Praktikum für Innere Medizin fünf statt drei Studierenden beibringen muss, wie eine klinische Untersuchung geht: "Da kommt man mit fünf schon an die Grenzen. Wenn ich acht oder zehn Studierende habe, wird es schwierig", begründet Tiefenthaler seine Sorgen.

Gerhard Schuhmann, Betriebsratschef an der Medizin-Uni Graz, erinnert daran, dass seine Uni ursprünglich auf 250 Studierende ausgelegt gewesen sei und schon "jetzt mit allen Mühen 300 Plätze anbietet". Auch er sieht im Patientenkontakt ein Nadelöhr. Es gebe ein zumutbares Maß an studentischer Zuwendung in einer Klinik. Der - unerwünschte - Ausweg könnte eine Rückkehr zu mehr Frontalunterricht sein. "Wenn man mehr Leute ausbilden möchte, muss man zwei oder drei Medizin-Unis neu auf die Wiese setzen" - die aber brauche Österreich nicht, glaubt Gerhard Schuhmann.

Allerdings brauche "Österreich in Zukunft sicher nicht weniger aktive Ärzte als heute", meint Thomas Szekeres, Betriebsratsvorsitzender der Medizin-Uni Wien. Die Ausbildung in den Lehrkrankenhäusern sei nicht nur eine "Frage der Architektur, es gibt im Moment auch viel zu wenig Personal, um die Ausbildung zu leisten". Wer A wie Aufstockung der Studienplätze sage, müsse auch F wie Finanzierung des Personals und der Infrastruktur sagen, fordert Szekeres.

"Strukturell falsch"

Wissenschaftsminister Johannes Hahn (ÖVP) spricht sicherheitshalber noch im Konjunktiv, da er hofft, dass die rot-grün-blaue Studienplatz-Aufstockung doch nicht umgesetzt wird, denn, so Hahn im Standard-Gespräch: "Wir brauchen ja gar nicht so viele Mediziner." Die EU-Quotenregelung - die 75 Prozent der Plätze für Österreicher, 20 Prozent für EU-Bürger, fünf für Nicht-EU-Bürger reserviert - sei auf den erwarteten Medizinerbedarf Österreichs abgestellt.

Hahn kann sich aber eine Diskussion "über eine moderate Anhebung der Medizin-Plätze, inklusive Zahnmedizin, von 1500 auf 1700 in ein bis zwei Jahren vorstellen".

Sollte das Plus-1050-Medizin-Plätze-Gesetz "wirklich exekutiert werden, kommt man wahrscheinlich um eine vierte Medizin-Uni nicht herum", warnt Hahn. "Dafür müsste mächtig viel Geld in die Hand genommen werden, das wäre strukturell falsch eingesetzt." Eine weitere Medizin-Uni würde laut Hahn die Steuerzahler 250 bis 300 Millionen Euro im Jahr kosten. (Lisa Nimmervoll/DER STANDARD Printausgabe, 29. Oktober 2008)

 

  • Österreichs drei Medizin-Unis (im Bild das AKH Wien) bieten derzeit
2400 Studienplätze an. Kommen 1050 weitere dazu, wird es in ein paar
Bereichen eng.
    foto: standard/corn

    Österreichs drei Medizin-Unis (im Bild das AKH Wien) bieten derzeit 2400 Studienplätze an. Kommen 1050 weitere dazu, wird es in ein paar Bereichen eng.

Share if you care.