Jesu beschlagnahmtes Leben wird zum Medienereignis

28. Februar 2003, 10:03
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Haderers Buch wurde in Griechenland polizeilich konfisziert - Autor fühlt sich "jetzt wirklich im Mittelalter"

Wien/Athen - "Das Leben des Jesus", das Buch des oberösterreichischen Zeichners und Karikaturisten Gerhard Haderer, das sich nach einigen Erregungen in Österreich und Deutschland bisher rund 100.000 Mal verkauft hat, wurde am Dienstag in griechischen Buchhandlungen von der Polizei beschlagnahmt. Es soll nun zu einem Prozess wegen Religionsbeleidigung kommen. Mit Verwunderung und auch Ärger reagierte Haderer in einer ersten Stellungnahme

Ermittelt wird gegen den griechischen Verlag Oxy, der die Lizenz erworben hatte, gegen den Übersetzer sowie gegen Haderer selbst, bestätigte der Ueberreuter Verlag, bei dem das Buch erschienen ist.

Anderswo kein Problem in Sicht

Lizenzausgaben des Buches seien bisher ohne Probleme in Korea, Frankreich, Tschechien und Ungarn erschienen, hieß es bei Ueberreuter. In Österreich hatte es nach Erscheinen des Buches vor einem Jahr einige Anzeigen gegeben, die Staatsanwaltschaft Wien stellte jedoch das Verfahren wegen Herabwürdigung religiöser Lehren auf Grund "mangelnder Tatbestandsmäßigkeit" ein.

Bei der nun erfolgten Beschlagnahme soll es sich in Griechenland um die erste diesbezügliche Maßnahme seit über zwanzig Jahren handeln.

Bedrohungen in keinem Verhältnis

"Jetzt sind wir wirklich im Mittelalter" - so kommentierte der Karikaturist Gerhard Haderer in einer ersten Reaktion im ORF-Radio Oberösterreich die Beschlagnahme.

Es sei "erstaunlich", was jetzt in Griechenland passiert, "so weit ist es in Österreich doch nicht gekommen", sagte Haderer. Und der Karikaturist fügte hinzu: "Ich wiederhole mich, mein Buch ist kein Angriff auf den Glauben und auch nicht auf gläubige Menschen". Vielmehr handle es sich um eine Art von "Lockerungsübungen" gerade für Gläubige, "sie sollen sich ihrem Glauben einmal auch mit Augenzwinkern und Schmunzeln nähern können".

Weiters sagte Haderer:" Die Dinge, die hier passieren, beginnen mich langsam aufzuregen, weil diese Art von Bedrohungen steht in keinem Verhältnis zu meinem Buch". Welche konkrete Konsequenzen ihm als Autor jetzt in Griechenland drohen, das wisse er nicht, er müsse sich in dieser Hinsicht erst mit seinen Anwälten besprechen. Nicht auszuschließen sei, so Haderer, dass die ganze Sache ein Fall für den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte werde.

Brausen in der Medienlandschaft

Inzwischen wurde die Angelegenheit zum Medienereignis. Das staatliche Fernsehen berichtete darüber in den Hauptnachrichten. Die zweitgrößte Tageszeitung "Eleftherotypia" widmete der Beschlagnahme breiten Raum und kritisierte scharf Boulevardblätter, die mit großen Schlagzeilen das Einschalten der Staatsanwaltschaft verlangt hatten. Überhaupt wird kritisiert, dass die Thematik erst durch die Art der Berichterstattung so große Dimensionen angenommen habe.

Die Lebensgeschichte von Jesus, wie Haderer sie darstellt, wird in "Eleftherotypia" als "unorthodox" bezeichnet. "Eleftherotypia" beschäftigt sich nicht nur mit den Ereignissen in Griechenland, sondern auch damit, wie die Staatsanwaltschaft Wien mit dem Thema umgegangen ist: "In Österreich hat es seitens der katholischen Kirche auch Reaktionen gegeben. Die Justiz hat dem Druck jedoch nicht nachgegeben", heißt es, "Der Karikaturist berief sich auf die Freiheit des Wortes und des Künstlers und die Behörden konnten die Satire von der bewussten Religionsbeleidigung unterscheiden. Was gilt hier eigentlich?" Der Artikel endet mit der ironischen Frage, ob man vielleicht unreife Leser beschützen möchte.

Aspekt Freiheit

Nicht nur bei "Eleftherotypia", sondern auch in der Tageszeitung "Kathimerini" geht es vor allem um die Freiheit des Wortes und die Freiheit eines Künstlers, sich zu äußern. Eine Buch-Beschlagnahme hatte es in Griechenland zuletzt 1981 gegeben. Nun soll es zu einem Prozess kommen. Ermittelt wird gegen Haderer, seinen Übersetzer sowie den Verleger Nikos Chatzopoulos wegen Religionsbeschimpfung und Beleidigung. Chatzopoulos meinte, dass er an die Freiheit der Künstler glaube. Als Mensch respektiere er die Religion, doch bei Haderers Buch handle es sich eigentlich um einen scharfen Kommentar zur heutigen Vermarktung der Religion.

Haderer antwortet

In einer von seinem Verlag übermittelten Stellungnahme zu der Beschlagnahme seines Buches in Griechenland schreibt Gerhard Haderer u.a.: "Der Bilderzyklus ist in keiner Weise ein Angriff auf den Mythos des Jesus von Nazareth, sondern nimmt vielmehr den ganzen Devotionalienkitsch der katholischen Kirche auf die Hörner, die Machtsurpation der kirchlichen Würdenträger, die Herrschaft der Jünger über ihren Meister und damit auch über die, die an ihn glauben und die ihn lieben. (...) Aus der Geschenkliste der Heiligen drei Könige habe ich in meiner Erzählung dem Weihrauch besonderes Augenmerk geschenkt. (...) Hütet Euch vor dem Weihrauch, ist meine Botschaft, er kann Euch von der normalen Welt isolieren, kann Euch entrücken in die Räume des Numinosen und Faszinosen."

Sein Buch wäre "niemals als Attacke auf Glaubensinhalte gedacht" gewesen, schreibt Haderer weiter, sondern als "Aufruf an uns alle, die spielerischen Elemente einer so ernsten Sache wieder zu entdecken, Vorläufigkeiten zu durchschauen. Als Lockerungsübung für den Glauben sehe ich das alles." (APA)

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