Nachrichten vom Ableben der US-Zeitungen

17. Oktober 2008, 17:00
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Sind die Nachrichten vom Ableben der amerikanischen Tageszeitung "stark übertrieben" oder bittere Realität? Ein kurzer Lokalaugenschein mit Expertengesprächen im Mutterland des klassischen Journalismus

New York/Washington - Der amerikanische Klassiker-Autor Mark Twain meldete sich einst nach entsprechenden Zeitungsspekulationen mit dem Satz: „Die Nachrichten von meinem Ableben sind stark übertrieben". In den USA wird derzeit das Ableben der Zeitungen diskutiert. Auflagen und Inserateneinkommen sinken. Viele US-Zeitungen haben mit ihren Online-Ausgaben die (Gesamt-)Leserzahlen sogar erhöht, aber (im Unterschied zu manchen europäischen Zeitungen) folgen die Anzeigenerlöse nur zögernd auf die Internetseite.

Das aber wird ein Demokratieproblem, denn viele Verleger kappen den teuren investigativen Journalismus und ersetzen ihn durch „soft news".

Was ist die Zukunft der amerikanischen Zeitung ? Nicht alle sind so (markt-)radikal wie Richard Tofel, ein früherer leitender Mitarbeiter des ziemlich marktradikalen Wall Street Journal. Er meint, dass das Internet die gedruckte Tageszeitung komplett verdrängen wird.

Das viel schnellere Internet wird die Tageszeitungen komplett verdrängen

„Es dauert mindestens sechs Stunden, bis eine Nachricht über die Zeitung beim Leser ist. Warum soll er auf etwas sechs Stunden warten, wenn er es im Internet in sechs Minuten haben kann?" Tofel ist jetzt Geschäftsführer der Stiftung „Pro Publica - Journalism in the Public Interest". Die Organisation sitzt in schönen Büros in unmittelbarer Nähe der New York Stock Exchange in der Wall Street, hat 25 Mitarbeiter und produziert „investigative storys", die sie auf ihrer Website www.propublica.org frei veröffentlicht. Ermöglicht wird das durch zehn Millionen Dollar pro Jahr, die ein reiches Ehepaar zur Verfügung stellt. Die Sandlers sind der Meinung, dass investigativer Journalismus auszusterben droht, und wenn die Zeitungen das nicht mehr machen, muss eben eine spezielle Website dafür sorgen.

Nur wird die Mehrzahl der US-Tageszeitungen nicht von reichen Philanthropen leben können. „Die Krise besteht darin, dass das verschwindet, worauf wir uns bisher als Einkünfte verlassen haben", sagt Tom Rosenstiel, Leiter des „Project for Excellence in Journalism". Das „Project", das mit dem Umfrage-Giganten „Pew Research Center" verbunden ist und in Washington sitzt, gibt einen jährlichen Bericht „The State of the News Media" heraus. Rosenstiel fasst für 2008 zusammen: „Die Situation für Zeitungen und andere Traditionsmedien ist nicht so schlecht. Sie halten ihr Publikum. Die Leserschaft wächst sogar, weil das Internet vor allem jüngere Leute anzieht. Aber sie müssen ein neues Modell finden, wie man Leserschaft in Einkommen verwandelt. Die Kleinanzeigen gehen ins Internet, aber nicht so sehr auf die Websites der Zeitungen, sondern auf unabhängige Websites."

Das Internet wird die traditionellen Medien retten, wenn sie es voll umarmen

Er glaubt, dass kleine, lokale Blätter und die großen, nationalen Blätter wie die NY Times oder das Wall Street Journal bleiben werden. Was dazwischen liegt, auch Blätter in großen Städten wie Chicago oder Philadelphia, werde verschwinden. „Die Zukunft der amerikanischen Zeitung wird ein ein geschränktes Produkt sein. Wenn es überlebt - dann mit einem viel enger ausgerichteten Inhalt für ein Elite-Publikum."

Ein Drama, findet David Remnick, Chefredakteur des Wochenmagazins The New Yorker. Das Internet und die vielen Hobby-Blogger seien kein Ersatz für Profi-Journalismus.

Das Internet, das es jedem erlaubt, sich blitzschnell zu informieren (oder zu desinformieren) oder selbst „Bürgerjournalist" zu sein, zerstört nach Meinung von Rosenstiel nicht den traditionellen Journalismus, es verändert ihn: „Die Metapher des Torwächters war: Ich stehe beim Tor und entscheide, was ich durchlasse, was du wissen darfst. Jetzt werden wir Teil eines Systems, in dem die Konsumenten ihre Informationen von vielen verschiedenen Quellen bekommen. Das verlangt von uns, zu Sinnmachern zu werden. Wir sagen dem Konsumenten, was er von dem, das er übers Internet erfährt, auch glauben kann. Wir stellen die Dinge in einen Kontext."

Nach Meinung (und Hoffnung) vieler Experten liegt die Rettung in der Konvergenz von Internet und Print (bei der die Europäer schon weiter sein dürften). Die Leute werden von der aktuelleren Website in die profundere Printzeitung hineingezogen und nutzen beides. Ariana Huffington, die Gründung der Website Huffington Post: „Der Tod der Zeitungen als beschlossene Sache ist lächerlich. Das Internet ist nicht der Feind der traditionellen Medien. Tatsächlich wird es sie retten, wenn sie es voll umarmen." (Hans Rauscher/ DER STANDARD Printausgabe 18. 10. 2008)

  • Matthias Cremer, 31. Jänner 2006Erstarrung, Vereisung, Verödung-was Standard-Fotograf Cremer an der winterlichen Donau festhielt,giltnach Meinung von Experten auch für die amerikanischeZeitungsszene, dieimmer auch Vorbild für europäischen Journalismus war. Auflagen undInserateneinnahmen sinken, schuld sei das Internet, heißt es. 2043werde die letzte Tageszeitung von der Druckerrolle kommen, prophezeitder Autor Philip Meyer. Ist es wirklich so?
    standard/matthias cremer

    Matthias Cremer, 31. Jänner 2006

    Erstarrung, Vereisung, Verödung-was Standard-Fotograf Cremer an der winterlichen Donau festhielt,giltnach Meinung von Experten auch für die amerikanischeZeitungsszene, dieimmer auch Vorbild für europäischen Journalismus war. Auflagen undInserateneinnahmen sinken, schuld sei das Internet, heißt es. 2043werde die letzte Tageszeitung von der Druckerrolle kommen, prophezeitder Autor Philip Meyer. Ist es wirklich so?

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