Francis Crick: "Die neue Welt vernünftig nützen"

25. Februar 2003, 21:07
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Der Doppel-Helix-Entdecker über Vergangenheit und Zukunft der DNA-Forschung

La Jolla/Wien - "Die Zukunft", sinniert der heute 86-jährige Francis Harry Compton Crick in einem Schreiben an den STANDARD, "liegt in der Erforschung weit komplexerer Vorgänge, als wir sie aus den Studien der DNA bis heute kennen. Aber ich bin zu alt, um das noch erleben zu dürfen."

Um dem Geheimnis des Lebens tatsächlich auf die Spur zu kommen, sei es zu wenig, sich nur auf "lineare Prozesse" zu konzentrieren, meint der am Salk Institute for Biological Studies in La Jolla, Kalifornien, forschende Nobelpreisträger. Dieses Einbahnsystem, das bei der DNA beginne und bei den Proteinen ende, werde nämlich von einer Unzahl weiterer Faktoren beeinflusst: "Wir sind mit einem nicht-linearen, dynamischen System konfrontiert, dessen Funktionsweise wir erst bruchstückhaft kennen: Das ist das komplexe Zusammenspiel der verschiedenen Eiweiße im Organismus, das dem Ganzen erst Sinn gibt."

"Bis zur Erfüllung der Hoffnungen, ..."

Dennoch seien in den vergangenen fünfzig Jahren wichtige Entdeckungen gemacht und durchschlagenden Techniken entwickelt worden: "Unter anderem die biochemische Vervielfältigung der DNA, Methoden der Sequenzierung und Verfahren, mit denen Teilstücke der DNA von einer Spezies auf die andere übertragen werden können. All diese Arbeiten haben zur Entschlüsselung des menschlichen Genoms geführt. Die Biologie ist nun eine gewaltige Wissenschaft, und wir werden überflutet von Massen an detaillierten biologischen Informationen, die ohne den Einsatz modernster Computer nicht mehr zu bewältigen sind."

Bis zur Erfüllung der dadurch geweckten Hoffnungen jedoch - etwa auf Verständnis und Heilung von Krebs - werde "noch viel Zeit vergehen", desillusioniert Crick.

"Aber nicht nur die Medizin, auch die Landwirtschaft steht vor großen Veränderungen durch die zunehmende Kenntnis über die DNA; auch unser Wissen über die Entstehung des Lebens, über die Evolution und sogar die Ökologie wird sich verändern. Dabei dürfen wir aber die Vielzahl von ethischen Problemen, die diese Entwicklung mit sich bringt, nicht übersehen. In der Biologie tut sich vor unseren Augen eine neue Welt auf. Hoffentlich lernen wir, sie vernünftig und verantwortungsvoll zu nützen." (fei/DER STANDARD, Printausgabe, 26.2.2003)

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