Stimmen aus Kärnten: "Haider wurde umgebracht"

11. Oktober 2008, 14:51

Die Kärntner, ganz gleich ihrer politischen Gesin­nung, sind fassungslos: Nach Haiders Unfalltod herrscht nacktes Entsetzen, Mitgefühl und Sprachlosigkeit

Nach dem tödlichen Verkehrsunfall ihres Landeshauptmanns herrscht so etwas wie Starre in Kärnten. Viele wollen das Ableben Jörg Haiders nicht wahrhaben. Man diskutiert auf den Straßen, fremde Menschen kommen miteinander ins Gespräch. Die Trauer ist allgegenwärtig. Erste Verschwörungstheorien werden laut. derStandard.at hat sich vor Ort ein Stimmungsbild gemacht.

"Als ich von der Todesnachricht erfuhr, dachte ich sofort an ein Attentat", so Herr K., Ingenieur aus Klagenfurt. "Die Rosentalerstraße, auf der der Unfall geschah, ist 'schnierdelgerade' und in beiden Richtungen zweispurig. Haider fuhr einen VW Phaeton mit EPS und Spurhaltesicherung. Ein sicherers Auto gibt es kaum. Er kam von einer Veranstaltung in Kärnten, wo jemand möglicherweise an seinem Wagen manipuliert hat."

Frau R., Verkäuferin in einem Feinkostladen, ebenfalls in Klagenfurt, schließt sich der Meinung an: "Die Straße ist schnurgerade, hat eine 70er-Beschränkung, es war trocken. Selbst bei doppelter Geschwindigkeit hätte es nie zu diesem Hergang des Unfalls kommen können." Dann kämpft sie mit den Tränen: "Jörg Haider war unterwegs ins Bärental, wo er heute den 90. Geburtstag seiner Mutter feiern wollte."

Frau E., Studentin an der Klagenfurter Uni: "Ich war nie Haider-Wählerin, aber ich bin geschockt. Gerade in den letzten Jahren hat sich Haider von der extrem rechten Politik distanziert. Er war ein prägender Politiker, aber auch als Mensch offen für die Sorgen der Kärntner. Ich kann es nicht fassen."

Herr W., ehemaliger Offizier, aus St. Veit an der Glan: "Haider war sicher nicht schuld am Unfall. Erst am Tag davor, am Kärntner Nationalfeiertag, hat er wieder einmal ordentlich gegen die Slowenen gewettert. So beliebt er in Kärnten war, Feinde hatte er genug. Ich jedenfalls bin geschockt. Er hinterlässt eine riesige Leere."

Herr S., Angestellter bei einem Kärntner Stromkonzern: "Mein erster Gedanke war, das darf nicht wahr sein. Ich bin völlig fertig, auch wenn ich Herrn Haider schon seit Jahren nicht mehr meine Stimme gegeben habe. Es ist eine Tragödie für alle hier. Was wird nun aus Kärnten? Haider war so etwas wie ein Schutzpatron im Land. Wahrscheinlich wird nun die Bundesregierung in Wien über uns drüberrollen."

Herr A., Trafikant in der Klagenfurter Innenstadt: "Politik interessiert mich jetzt nicht mehr. Haider war der einzige Politiker, der sich nicht selbst bereichert hat. Es ist wie ein kleines Sterben in der Bevölkerung. Ich habe vor mein Geschäft ein schwarzes Tuch gehängt und werde heute früher schließen. Haiders Tod muss ich erst einmal verkraften."

Frau P., Postangestellte in einem Kärntner Vorort: "So einen wie den Haider kriegen wir nimmer. Ich kann´s immer noch nicht glauben. Vielleicht hatte er während der Autofahrt einen Herzinfarkt. Ich wünsche mir zutiefst, dass er nicht allzuviel mitbekommen hat. Ich bin entsetzt und tief erschüttert. Die Welt ist nicht mehr dieselbe. Mein Beileid an seine Familie."

Herr und Frau B., Künsterehepaar in Klagenfurt: "Das darf einfach nicht wahr sein. Haider war auf seine Weise ein Superstar, war volksnah wie kein anderer Politiker. Sein Tod hinterlässt eine unsagbare Leere. Der Unfallhergang wird wohl noch eine Weile Thema bleiben. Haider war bekannt als rasanter, aber auch sicherer Fahrer. Möglicherweise hatte er in der Nacht einen Herzanfall. Der Schock sitzt jedenfalls tief. Wir haben gleich am Vormittag Blumen vor den Landtag gelegt."

Frau M., Studentin in Klagenfurt: "Haider wurde umgebracht. Seine Slowenienpolitik hat er konsequent – und meiner Meinung nach – auch erfolgreich durchgesetzt. Ein Störenfried für den einen oder anderen. Er war der einzige, der Kärnten gegen Wien geschützt hat und dabei nicht zimperlich in seiner Wortwahl war. Ich habe Angst, wie es jetzt weitergehen soll."

Maria H., Lehrerin aus St. Veit findet das, was passiert ist "extrem unwirklich". "Es wirkt alles irgendwie inszeniert, so wie Haiders ganzes politisches Leben war. Ein Unfall in der Nacht nach dem 10. Oktober ..." Für das BZÖ wird das ihrer Meinung nach auf einen Überlebenskampf hinauslaufen, schließlich sei Haider die Partei gewesen.

Natürlich stehe nun erstmal die persönliche Tragödie im Vordergrund, "aber für mich wird Haider auch immer dafür stehen, dass er beim Thema Ortstafeln ständig blockierte, obwohl die Mehrheit der Kärntner überhaupt kein Problem damit hat". Nicht nur deswegen habe sie sich in letzter Zeit gar nicht mehr wirklich mit der Kärntner Politik beschäftigt: "Permanenter Streit war doch auch in der Kärntner Landesregierung auf der Tagesordnung." (Sigrid Schamall/mhe, derStandard.at, 11.10.2008)

Aufgrund der großen Anzahl an pietätlosen Postings sieht sich derStandard.at gezwungen, zu diesem Thema ausnahmsweise kein Forum einzurichten.

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    Gedenken an Jörg Haider vor dem Gebäude der Kärntner Landesregierung.

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