Mit Nietzsche in den Wald

10. Oktober 2008, 17:15
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ÖEA von Volker Schmidts "Die Mountainbiker" am Schauspielhaus

Wien - Die "Natur" hat das Wiener Schauspielhaus derzeit fest im Griff: Als Motiv trügerischer Idylle und unberechenbarer Bedrohung kappt ein brennender Wald in Anja Hillings Schwarzes Tier Traurigkeit scheinbar gesicherte Verbindungen zwischen Menschen.

In Die Mountainbiker des jungen österreichischen Dramatikers Volker Schmidt mischt sich ein an eine städtische Siedlung angrenzender Wald auf indirekte Weise in das Leben von sechs jüngeren und älteren Urbanisten: Vater, Mutter, Tochter, deren Freund, dessen Mutter und deren Freund.

"Auch der vernünftigste Mensch bedarf von Zeit zu Zeit wieder der Natur, das heißt seiner unlogischen Grundstellung zu allen Dingen", sagt Friedrich Nietzsche in einem im Programmheft prangenden Zitat. Und so sucht Vater Manfred (Steffen Höld), ein Gynäkologe, beim Radfahren im Wald so etwas wie Heil - oder einfach nur Ruhe. Die findet er dort leider dann auch in ewiger Form: Ein Sturz auf nassen Baumwurzeln macht seinem Leben ein Ende. Das konnte Nietzsche nicht wissen.

Doch bevor es so weit ist, umreißt das im Vorjahr mit dem Publikumspreis des Heidelberger Stückemarkts ausgezeichnete Drama in scharfen, meist einzeiligen Dialogwechseln die Unzufriedenheit jedes einzelnen Natur-Anrainers.

Manfreds Frau Anna (Katja Jung) verfällt als Innenarchitektin zusehends der Vision vollends leerer Wohnräume - und verliert Kunde um Kunde. Tochter Lina (Bettina Kerl) lernt beim Biomüllsammelplatz (Natur!) den fünfzehnjährigen Thomas (Vincent Glander)kennen, der am liebsten tote Menschen zeichnet. Doch das wäre noch nicht sein Fehler: Er zieht ausgerechnet Linas Mutter als erste Bettgenossin vor. Max Mayer gibt mit Gelhaar schließlich den von den Unfreuden der Verantwortung eingeholten Albert, einen Werbefachmann auf Brautschau (Nicola Kirsch).

In wenigen Tönen (etwa dem krächzenden Aufrollen einer neuen Markise) und symbolischen Handlungen (Zerstampfen von Erdreich und Zerfetzen eines Lilienbeets) hält Regisseur Alexander Charim die manchmal klamottenhaft ansteigende Betriebstemperatur dieser "Skizze" unter Kontrolle. Sie bleibt feingliedrig: Ihre Pointen, die das Publikum bei der Premiere am Donnerstag hörbar entzückten, werden nicht ausverkauft.

Weniger ist mehr: Die Natur steht in zwei Blecheimern und drei Wasserflaschen bereit: Erde, die aufgeschüttet wird, und Wasser, das bei Bedarf als reinigende Kraft über die Köpfe geleert wird. So geht das! (Margarete Affenzeller, DER STANDARD/Printausgabe, 11./12.10.2008)

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