"Zwischen Harvard und Volkshochschule"

9. Oktober 2008, 18:57
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Uni-Wien-Rektor Georg Winckler im STANDARD-Interview über den Rückfall seiner Hochschule, die Rolle der Finanzierung und globale Trends

Standard: Was sagen Sie als Rektor der Uni Wien dazu, dass ihre Hochschule im THE-Ranking binnen eines Jahres um 30 Ränge abstürzte?

Winckler: Man muss das differenziert sehen. Im Forschungs-Teilranking der THE belegen wir Platz 57. In der Lehre allerdings liegen wir aufgrund des schlechten Betreuungsverhältnisses nur auf Platz 163. Das liegt an den Massenfächern, die das Verhältnis zwischen Lehrenden und Studierenden extrem verschlechtern. Allein an der Publizistik gibt es 7000 Studenten. Das wirkt sich in der Gesamtstatistik eben aus.

Standard: Von Uni-Vertretern wird neuerdings immer wieder die Bologna-Architektur - also das dreigliedrige Studium - kritisiert und für den Niveauverlust von Europas Unis verantwortlich gemacht. Sehen Sie das auch so?

Winckler: Nein, im Gegenteil. Das sollte uns eigentlich ermöglichen, in Zukunft mit der Massenlehre besser umzugehen. Es wird ja jetzt schon schneller studiert.

Standard: Liegt es am Geld?

Winckler: Es ist natürlich auch eine Frage der Finanzierung. Wir fordern auch auf europäischer Ebene schon lange, dass zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts für den Hochschulsektor aufgewendet werden sollen. Wir halten in Österreich bei 1,2 Prozent. Die skandinavischen Staaten liegen bereits bei zwei Prozent. Aus diesem Grund ist es deshalb auch kein Zufall, dass zum Beispiel die dänischen Universitäten Kopenhagen und Aarhus im aktuellen Ranking so stark gewonnen haben.

Standard: Wo sehen Sie neben dem Geld in Österreich den größten Handlungsbedarf? In der Rücknahme der eben beschlossenen Uni-Gesetze?

Winckler: Ich würde da jetzt keinen Schnellschuss zurück machen. Was wir brauchen, ist eine ganz grundsätzliche Debatte, was wir Unis können sollen. Man verlangt von der Universität Wien im Grunde ja beides: top in der Forschung, aber ganz breit in der Lehre. Wir stehen also den politischen Ansprüchen nach gewissermaßen zwischen Harvard und Volkshochschule. Beides aber kann sich nicht ausgehen.

Standard: Welche globalen Trends lesen Sie als Präsident der European University aus dem Ranking ab? Winckler: Man muss jedenfalls sehen, dass die asiatischen Universitäten stark auf dem Vormarsch sind, jene in Hongkong, China, Japan oder Singapur. Wir in Europa fallen in den Rankings einfach zurück, wenn die asiatischen Universitäten so viel besser werden und nach vorn stürmen. (Klaus Taschwer/DER STANDARD Printausgabe, 10. Oktober 2008)

Zur Person

Georg Winckler (65) ist Wirtschaftswissenschafter, Rektor der Uni Wien und zurzeit Präsident der European University Association.

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    Winckler erklärt sich das schlechte Abschneiden im Bereich Lehre durch die Massenfächer.

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