Blasen blähen sich auf – und dann platzen sie

9. Oktober 2008, 18:58
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Der New Yorker Broker Teddy Weisberg ist seit 40 Jahren im Geschäft - Die Wall Street nennt er sein Wohnzimmer - Und er weiß: Diese Finanzkrise ist nicht das Ende der Welt

Wenn er an den Schwarzen Montag des Jahres 1987 denkt, weiß er: Dies ist nicht das Ende der Welt.

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"Tokio, seid ihr fertig? Tokio, bitte mehr Tempo!" Frank Frasco ist bester Laune. Er bewacht die Sicherheitsschleuse der Börse, durchleuchtet Rucksäcke und Laptop-Taschen. Und freut sich über den Hochbetrieb. Wegen der Finanzkrise drängen sich die Fernsehteams, eine Wall-Street-Pressedame tritt nervös von einem Fuß auf den anderen, sie will auf keinen Fall das Bimmeln der Börsenglocke verpassen. 9.26 Uhr, noch vier Minuten, es wird knapp. "Dann mal los" , ruft Frank Frasco dem dreiköpfigen Team von Tokio TV fröhlich hinterher, "im Laufschritt schafft ihr es vielleicht noch".

Teddy Weisberg steht wie ein ruhender Pol im Gewühl. Schlohweiße Büschel dünner werdenden Haares, kluge Brille, im Gesicht ein feines Lächeln. Er wirkt wie ein Professor, der sich zufällig aufs Parkett verirrt hat, umgeben von hektisch telefonierenden Händlern, die fast alle seine Söhne sein könnten. Gelassen steht der "Professor" vor den acht Computerbildschirmen seiner Brokerfirma und schimpft auf die Professoren. Seine Lieblingsfeinde sind die Akademiker, die Mathematiker der Finanzbranche, wie er sie nennt. Leute, die sich immer kompliziertere, immer unsinnigere Konstruktionen einfallen ließen, um Geld zu scheffeln. "Und jetzt bekommen wir die Quittung für diese Exzesse, diesen Hokuspokus."

Dennoch, die Wall Street macht Spaß, nie würde Weisberg seinen Job tauschen, trotz der Grabesstimmung der letzten Wochen. Was ihn reizt, ist das Studium menschlicher Emotionen, dieser Achterbahn der Gefühle. Denn darauf, sagt er, laufe ja alles hinaus. Auf Emotionen, die "immer, immer" außer Kontrolle geraten, auf das irrationale Wechselspiel von Gier und Panik. "Jetzt" , beendet er seinen Freud'schen Vortrag, "erleben wir eine Phase der Angst, übersteigerter Angst. Wie wollen Sie das regulieren?"

Der 68-Jährige ist seit 40 Jahren dabei, die Wall Street nennt er sein Wohnzimmer. Er kennt alles, steile Höhenflüge und ebenso steile Abstürze. Den Crash im Oktober 1929, der geradewegs in den Strudel der Weltwirtschaftskrise führte, kennt er natürlich nur aus Erzählungen. Dann, im Oktober 1987, der Schwarze Montag. Weisberg erlebte ihn als einen Tag, "wie es ihn nie zuvor gab und nie wieder geben wird" . In einem Ritt fiel der Dow Jones um 22 Prozent.

Was heute passiert, erinnert Weisberg weder an 1929 noch an 1987, eher an 1973/1974. Es ist das deprimierende Gefühl, dass es wochenlang nur bergab geht, das Gefühl eines stetigen Ausverkaufs. "Doch im Prinzip" , fasst der Broker zusammen, "ist es immer dasselbe Muster: Blasen blähen sich auf, und dann platzen sie." Im 17. Jahrhundert die Tulpenzwiebelblase, 2000 die New-Economy-Blase und 2008 die Immobilienpreisblase: Teddy Weisberg versteht nicht, was neu sein soll an der neuen Finanzwelt, von der die Politiker reden. "So war es doch immer."

Gesund essen, mehr schlafen

Draußen, vor dem prächtigen Säulenportal der Börse, schlägt ein buddhistischer Mönch die Trommel. Am Ende der Wall Street bietet die Trinity Church, ein brauner Kirchenklotz mit kunstvoll geschnitzten Holztüren, montags, mittwochs und freitags Kurse an, um mit dem Stress fertigzuwerden. Auf Faltblättern geben Berater gutgemeinte Krisentipps: Besinnen Sie sich auf Ihre Stärken! Essen Sie gesund! Schlafen Sie länger als sonst! Um die Ecke hat die Kneipe Trinity Place ihre Bierpreise halbiert. Zwischen 16 und 17 Uhr, dann, wenn die Händler aus der Börse strömen, kostet das Glas Guinness nur noch drei Dollar. Und Al Lavery, der versucht es mit einer seltsamen, seitenverkehrten Bullen-Bären-Magie.

An einem Klapptisch verhökert er Wall-Street-Souvenirs. Bullen über Bullen, die Symbole der Börsenhausse. Lange standen überhaupt nur Bullen auf seinem Tisch, dennoch kippte der Markt. Deshalb hat Lavery einen stattlichen Bronzebären neben die Stiere platziert, eigentlich das Tier der Baisse. An einer Tatze trägt der Koloss die Zahl 777, die Punktezahl, um die der Dow Jones am schlimmsten Tag fiel. Der Bär soll es richten. "Es geht wieder aufwärts" , spricht Lavery den Vorbeihastenden in seiner verqueren Logik Mut zu.

Teddy Weisberg schläft wirklich länger als sonst. Sagt er jedenfalls, mit einem selbstironischen Schlenker: "Vielleicht schlaf ich ja so viel, weil ich so depressiv bin." Vielleicht ist Witz die beste Methode, die Turbulenzen mit heilem Nervenkostüm zu überstehen. Am Telefon, erzählt der Börsenbroker, fühle er sich manchmal wirklich wie ein Psychiater. Er muss "Händchen halten" , wie er es nennt.

Aber dann ruft ihn ein Kollege an und sagt: "Erinnerst du dich noch, wie es 1987 war?" Das wirkt wie Baldrian, dann weiß er: Dies ist nicht das Ende der Welt. In sieben bis zehn Jahren, prophezeit Weisberg noch, platzt der nächste spekulative Ballon, der bis dahin aufgepumpt wird. "Fragen Sie mich nicht, auf welchem Gebiet. Aber es wiederholt sich. So sind wir Menschen nun einmal." (Frank Herrmann aus New York/DER STANDARD, Printausgabe, 10.10.2008)

  • Es gibt auch noch Börsenbroker, die lachen können - wenn sie die
Erfahrung und Lebenseinstellung eines Teddy Weisberg haben: "So sind
wir Menschen nun einmal."
    foto:standard/weisberg

    Es gibt auch noch Börsenbroker, die lachen können - wenn sie die Erfahrung und Lebenseinstellung eines Teddy Weisberg haben: "So sind wir Menschen nun einmal."

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