Wenn Ratten das Schiff verlassen

3. Oktober 2008, 17:30
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Die Psychologin Linda Pelzmann sieht eine Kettenreaktion - "Wirtschaftstreibende verlieren zunehmend den Überblick"

Wien - Die ersten Ratten, die mit nassen Pfoten ein sinkendes Schiff verlassen, wissen, warum sie flüchten. Die hundertste weiß es nicht, sie sieht andere rennen und folgt, sagt Linda Pelzmann. Die Leiterin der Abteilung Wirtschaftspsychologie an der Uni Klagenfurt überrascht die Krise der Finanzmärkten wenig. Wirtschaftstreibende hätten seit Mitte der 90er-Jahre zunehmend den Überblick über die Finanzwelt verloren. "Es gibt wenig Daten und Erfahrungswerte. Keiner kannte sich aus." Investoren hätten sich bei Entscheidungen an anderen orientiert. Und solange sich niemand eine sichtbar blutige Nase hole, werde das Risiko unterschätzt.

Breche Euphorie oder eine Krise aus, sorge die Natur des Menschen dafür, dass er ohne nachzudenken dem Gesetz der Herde folge. Daran änderten auch schlechte Erfahrungen aus der Vergangenheit nichts. Und wer in einer solchen Situation glaube, Rationalität in die Sache bringen zu können, verstehe nichts von Psychologie und vom Menschen, sagt Pelzmann im Gespräch mit dem Standard. Experten, die sich gegen den Strom stellten, würden überrannt oder verhöhnt. Dem Investor und Milliardär Warren Buffett sei das bei Debatten mit Elite-Studenten in New York passiert: Keiner wollte damals hören, dass die Partie vorbei sei.

"Geldgeschenke retten Märkte nicht"

Dass Geldgeschenke nun die Finanzwirtschaft retten könnten, bezweifelt die Wirtschaftspsychologin. "Das ist reine Illusion." Es brauche Kontrollen und Regeln, davon sei bisher aber weder in Europa noch in den USA die Rede. Auch der Marshallplan, das Wiederaufbauprogramm der USA in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg, hätte nicht gegriffen, wäre nicht dafür gesorgt worden, dass das Geld nicht versickerte. "Aber selbst Leute, die viel verloren haben, glauben, alles wird alles gut, wenn nur Geld fließt."

Aus Sicht von Pelzmann seien in den vergangenen 15 Jahren überwiegend junge Optimisten und Sunnyboys in Führungspositionen und an die Schalthebeln der Finanzwelt gehievt worden. Die Medien seien dafür mitverantwortlich. Es brauche aber auch die erfahrenen Strategen, denen es bewusst sei, dass es nach fetten Jahren bergab gehe, die wüssten, was in Krisen zu tun sei. "Diese Manager ticken anders als ein Herr Grasser (Karl-Heinz, Ex-Finanzminister, Anm.).

Wer sein Geld vor einem Crash in Sicherheit bringen wolle, der müsse ein Jahr vorher reagieren, auch wann man damit einen Fehlalarm riskiere, meint Pelzmann. "Sieger zeichnet eine realistische Angst aus." Die großen Investoren hätten ihr Vermögen in der Regel stets rechtzeitig ins Trockene gebracht. Auf der Strecke blieben die Kleinen, die in die Schnäppchen-Falle tappten. (Verena Kainrath, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4./5.10.2008)

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