Alexander Van der Bellen tritt zurück - Eva Glawischnig folgt nach

3. Oktober 2008, 12:14
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Alexander Van der Bellen tritt nach elf Jahren an der Spitze zurück - Eva Glawischnig folgt nach - Antrag auf Glawischnig als Nachfolge wurde mit Ausnahme von Voggenhubers Stimme gänzlich angenommen - Der "Professor" bleibt im Parlament - Mit Infografik

Der Professor geht: Nach fast elf Jahren an der Spitze der Grünen tritt Alexander Van der Bellen zurück. Er macht den Platz frei für seine bisherige Stellvertreterin, Eva Glawischnig. Nur der EU-Abgeordnete Johannes Voggenhuber stimmte dagegen.

So schnell hatte kaum jemand mit dieser Entscheidung gerechnet, und obwohl seit dem Wahlsonntag viel darüber spekuliert worden war, kam der Schritt am Freitag dann doch überraschend: Alexander Van der Bellen erklärte seinen Rücktritt als Bundessprecher der Grünen. "Am Wahlabend stand für mich schon fest, dass es Zeit für einen Neuanfang in der Partei ist" , sagte Van der Bellen in einer eilig einberufenen Pressekonferenz. Er habe aber mit der Verkündung seiner Entscheidung auf den erweiterten Bundesvorstand (EBV) warten wollen. "Es war eine interessante, schöne Zeit" , resümierte er knapp.

Neben dem scheidenden Chef stand auch schon seine Nachfolgerin, vorerst einmal als geschäftsführende Bundessprecherin: "Liebe Eva, ich wünsche dir alles Gute. Jetzt bist du dran" , wandte sich Van der Bellen an seine bisherige Stellvertreterin Eva Glawischnig. Diese dankte ihm für seine Arbeit, es tue ihr sehr leid, dass er gehe: "Danke Sascha, danke für die schöne Zeit" , sagte Glawischnig. Van der Bellen werde nicht nur seiner Fraktion fehlen, mit seiner Art habe er viel für die politische Kultur in Österreich beigetragen, dafür werde er auch über alle Parteigrenzen hinweg geschätzt.

Glawischnig muss nun noch auf einem Bundeskongress gewählt werden. Ob es vor dem turnusmäßigen Treffen im Jänner einen Sonderparteitag gibt, ist noch offen. Beim Bundesvorstand, in dem neben der Parteispitze unter anderem die Bundesländervertreter sitzen, musste Glawischnig nur eine Gegenstimme hinnehmen- vom Europaabgeordneten Johannes Voggenhuber. Dieser kritisierte vor allem die Vorgangsweise. Mit Glawischnigs Designierung habe man das "Pferd von hinten aufgezäumt" . Die Abstimmung beim Bundeskongress sieht Voggenhuber dadurch zu Scheinwahlen degradiert. Damit agierten die Grünen wie die etablierten Parteien, man bewege sich hin zu mehr Demokratieabbau. Zu Glawischnigs Qualifikation wollte sich Voggenhuber nicht äußern. Er betonte jedoch, dass sie den bisherigen Weg der Partei mitzuverantworten habe. Sie sei aber noch "jung genug, falsche Wege zu verlassen" .

Van der Bellen selbst will trotz seines Rücktritts von der Parteispitze nicht aus der Politik ausscheiden, vorläufig wird er im Nationalrat bleiben. "Ich bin ein begeisterter Parlamentarier und sehe keinen Grund, warum ich nicht im Parlament bleiben soll."

Leidensdruck

Im kleinsten Kreis hatte der 64-Jährige nach dem enttäuschenden Wahlergebnis Rücktrittsgedanken geäußert, seine Kollegen hatten aber darauf gehofft, dass der Professor noch die Reformen in der Partei vorantreiben und die Grünen dann geordnet an Glawischnig übergeben würde. Der Leidensdruck war aber offensichtlich zu groß. Dazu kam, dass in der Partei bereits ganz offen über die Ablöse Van der Bellens gesprochen wurde, was für den Betroffenen einer Kränkung gleichkam.
Van der Bellen stand fast elf Jahre lang den Grünen vor, vor ihm hatten sich die Parteichefs im Zweijahrestakt abgelöst. Der "grüne Professor" wurde rasch zu einem Markenzeichen, die Öko-Partei konnte sich unter seiner Führung verdoppeln, bis zur Wahl am Sonntag waren die Grünen drittstärkste Kraft. Erstmals seit 1995 mussten sie einen Verlust hinnehmen, der Rekord aus dem Jahr 2006 mit 11,05 Prozent war nicht zu halten: 2008 wurden es 10,11 Prozent, das sind immerhin noch 481.000 Wähler. Vom erklärten Wahlziel, Van der Bellen hatte 15 Prozent plakatieren lassen, blieben die Grünen meilenweit entfernt. (Peter Mayr, MichaelVölker/DER STANDARD Printausgabe, 4./5. Oktober 2008)

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    Alexander Van der Bellen geht nach elf Jahren - Eva Glawischnig übernimmt interimistisch die Nachfolge.

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    Van der Bellen ist der längstgediente Parteichef der Grünen. Fast elf Jahre war er an der Spitze.

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