Österreichs neue politische Landkarte

29. September 2008, 18:42
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Die Wahl vom Sonntag hat erhebliche Verschiebungen der politischen Gewichte gebracht. Ein neues Verfahren der grafischen Statistik zeigt, wo die Schwerpunkte dieser politischen Neugewichtung liegen

Es gibt noch Landstriche, in denen die ÖVP eine ziemlich unangefochtene Größe darstellt - und wo sie am Sonntag wenig verloren hat. Vereinzelt finden sich solche Gegenden im Waldviertel, aber sie sind so klein und unbedeutend, dass man sie auf der Karte, die Erich Neuwirth von Österreich gezeichnet hat, kaum findet.

Neuwirth ist Statistikprofessor an der Fakultät für Informatik an der Universität Wien. Hier geht man neue Wege beim Zeichnen politischer Landkarten: "Färbt man eine normale Landkarte den Wahlergebnissen entsprechend ein, dann bekommt man ein falsches Bild, weil dünn besiedelte Landstriche dann zu stark berücksichtigt werden. Das hat sich vor acht Jahren bei der Wahl George W. Bush gegen Al Gore gezeigt: Wenn man die Staaten markiert hat, die für Bush gestimmt haben, dann hat ein Blick auf die Karte gezeigt, dass fast flächendeckend für Bush gestimmt worden ist. Das trügt aber, weil Bush in großflächigen, dünn besiedelten Staaten gewonnen hat. Durch eine nicht flächentreue Darstellung, die Bezirke entsprechend ihrer Bevölkerung größer oder kleiner darstellt, wird die Karte viel aussagekräftiger."

Auch auf den Österreich-Karten auf dieser Seite ist die Größe der einzelnen Bezirke proportional zur Zahl der Wahlberechtigten dargestellt. Dadurch kann man leichter beurteilen, welche Veränderungen auf das Gesamtergebnis stärkeren oder schwächeren Einfluss haben.

Die Karte für die ÖVP zeigt daher: Die Partei hat zwar durchgehend verloren, die geringsten Verluste haben die Schwarzen aber in den zentralen und südlichen Bezirken Wiens gemacht, die wegen ihrer hohen Bevölkerungszahl bedeutsamer sind als schwach besiedelte Bezirke Niederösterreichs mit ähnlich geringen Verlusten. In Tirol und Teilen der Steiermark ist es für die ÖVP dagegen besonders schlecht gelaufen.

Die abgestufte Einfärbung hat einen zusätzlichen Erklärungswert, sagt Neuwirth: "Wir wählen die Farbwerte für jede Partei so, dass jeder Wert gleich viel Fläche bekommt." Das führt zwar zu unterschiedlichen Skalen, man kann aber auf den ersten Blick feststellen, wo eine Partei besonders schwach oder umgekehrt relativ stark ist.

Grundregel: Je dunkler der Farbton, desto besser (oder im Falle der Verlierer: desto weniger schlecht) hat die Partei in den betreffenden Gebieten abgeschnitten.

Das ergibt überraschende Einsichten, wenn man etwa die Karten für die SPÖ und für die Grünen nebeneinanderlegt: So zeigt sich etwa, dass es in der Steiermark Regionen gibt, in denen die SPÖ deutliche Verluste eingefahren hat (sehr helles Rot auf der SPÖ-Karte) und die Grünen gleichzeitig ihre Wähler relativ gut halten haben können. Umgekehrt kam die SPÖ in Osttirol (wenn auch auf sehr geringem Niveau) mit geringen Verlusten (minus 2,76 Prozentpunkte) davon, während die Grünen für ihre Verhältnisse relativ stark (minus 2,04 Prozentpunkte) verloren haben.

Auf einen Blick sieht man auch, in welchen Bezirken die FPÖ besonders hohe Gewinne eingefahren hat (und dass diese Gewinne in Wien sehr unterschiedlich verteilt sind). Gleichzeitig merkt man, dass die FPÖ im Süden nicht mithalten kann.

Hier lohnt wiederum, die Karte für das BZÖ danebenzulegen: Es ist in Wien generell schwach und just dort stark, wo die FPÖ schwach ist. Neuwirth schließt daraus, dass die Trennung von BZÖ und FPÖ durchaus für beide Parteien zusätzliche Wähler mobilisiert. (Conrad Seidl / DER STANDARD Printausgabe, 30.9. 2008)

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