Neues Wettrennen mit neuer Supermacht

29. September 2008, 15:59
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Zum Jubiläum sieht NASA-Chef Michael Griffin gedämpfte Stimmung und wachsende Konkurrenz in China - und Triumphe im Ausmaß einer Mondlandung fehlen

Washington - Rechte Feierlaune herrscht bei der NASA nicht gerade, ausgerechnet zum 50-Jahr-Jubiläum der US- Weltraumbehörde am 1. Oktober ist die Stimmung so mies wie seit Jahren nicht mehr. Selbst NASA-Chef Michael Griffin, ansonsten eher ein kühler Techniker, schlug jüngst Alarm: Die ganz großen Triumphe der Raumfahrer wie die erste Mondlandung liegen ohnehin fast 40 Jahre zurück. Öffentlich hält sich Griffin noch zurück, intern äußert er unverblümt die Sorge, dass die US-Vorherrschaft im Weltraum bald am Ende sei - und aus China komme die stärkste Konkurrenz.

Vorzeige-Unternehmen des Kalten Kriegs

Dabei hat die NASA - die National Aeronautics and Space Administration - den USA den größten nationalen Triumph seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges beschert. Unvergesslich sind die Bilder vom 20. Juli 1969: Die Astronauten in ihren unförmigen glänzenden Schutzanzügen vor der grauen Mondlandschaft, die Fußabdrücke im Mondstaub, das Sternenbanner auf dem Erdtrabanten - das alles sind stolze und süße Erinnerungen, tief eingegraben ins Bewusstsein der Nation. Weltraumfahrt, vor allem die bemannte, ist zu einem Stück des "amerikanischen Traums" geworden, eine Mischung aus Pioniergeist, Aufbruch zu neuen Grenzen. Die Männer, die sich damals ins Weltall wagten, waren "moderne Helden".

Die Angst Griffins: Diesmal könnten die Chinesen der NASA im "zweiten Wettlauf zum Mond" zuvorkommen - für die Amerikaner schlichtweg ein Alptraum. Bis 2020, so das Ziel, wollen die Amerikaner wieder einen Astronauten auf den Trabanten schicken, doch die Arbeiten am neuen Orion-Raumfahrzeug kommen wegen anhaltender Etatsorgen langsamer voran als geplant. "Die Landung eines Chinesen vor uns auf dem Mond wird den klaren Eindruck hinterlassen, dass die USA im Weltall nicht nur hinter Russland, sondern auch hinter China hinterherhinken", meinte der NASA-Chef in einem internen Papier, das sehr zum Ärger der Regierung bekanntwurde. Kein anderes Land hat in den letzten Jahren in der bemannten Raumfahrt derartige Fortschritte gemacht wie China.

"Wir haben viele Dutzend Milliarden Dollar ausgegeben, um im Weltall einen klaren Vorsprung über alle anderen Länder der Erde zu bekommen", moniert der NASA-Chef. Doch in den vergangenen 15 Jahren sei der NASA-Etat inflationsbereinigt um sage und schreibe 20 Prozent verringert worden. "Wir leben von den Früchten, die wir in den ersten 40 Jahren erreicht haben."

"Sputnik-Schock", NS-Wissenschaft und "space race"

So richtig begonnen hat das Unternehmen Raumfahrt mit dem "Sputnik-Schock": Als die Sowjetunion im Oktober 1957 erstmals einen Satelliten ins Weltall transportierte, stürzte für die Amerikaner eine Welt zusammen. Mit einem Schlag war klar, dass die in Wissenschaft und Technik eher belächelten Russen zu Überraschungen fähig sind. Präsident Dwight D. Eisenhower handelte prompt: Er gründete eine eigene Weltraumbehörde - am 1. Oktober 1958 nahm die NASA ihre Arbeit auf. 8.000 Mitarbeiter zählte das neue Unternehmen zu Beginn - heute sind es 18.000.

Führender Kopf der NASA-Ingenieure war Wernher von Braun, der zuvor in Nazi-Deutschland die V2-Rakete entwickelt hatte, mit der Hitler britische Städte in Schutt und Asche legen wollte. Die geheimen Raketenpläne der Nazis hatte von Braun gleich an seine neuen Arbeitgeber mitgeliefert. Zunächst wurde die Mitarbeit des Deutschen geheim gehalten - als sie bekanntwurde, waren viele Amerikaner schockiert.

Doch zunächst blieben die Sowjets im "space race", in dem vom Kalten Krieg geprägten Weltraum-Rennen, weiterhin in Führung. Am 12. April 1961 schickten die Russen mit Juri Gagarin den ersten Menschen ins Weltall - es dauerte bis zum 20. Februar 1962, bis das mit Astronaut John Glenn auch der NASA gelang.

Zenit überschritten

Es war der junge Präsident John F. Kennedy, der das große Ziel vorgab, bis zum "Ende des Jahrzehnts einen Menschen auf dem Mond zu landen und ihn wieder sicher zur Erde zurückzubringen". Das Apollo-Unternehmen begann, und den USA gelang es, diesen Punkt des "space race" als den eigentlich entscheidenden darzustellen, nachdem sie bei allen anderen Marken der Sowjetunion unterlegen waren. Niemals wieder hatten die USA eine solche wissenschaftlich-technische Herkulesaufgabe erfolgreich bewältigt - mitten im Kalten Krieg schien die Vorherrschaft der USA in der Raumfahrt auf immer besiegelt. Doch tatsächlich war mit dem Triumph auf dem Mond der Zenit überschritten.

Vietnamkrieg und "Grenzen des Wachstums", Geldmangel und immer stärker werdende Zweifel am Sinn und Nutzen der bemannten Raumfahrt lähmten den Drang. Hinzu kamen schwere Unglücke wie die Explosion der Raumfähre Challenger im Jänner 1986 und die Columbia-Katastrophe, als im Februar 2003 der Shuttle beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre verglühte - beide Male starben alle sieben Astronauten.

Nur die Russen fliegen weiter

Auch ansonsten erwiesen sich Shuttles als Flops: Ursprünglich sollten die wiederverwendbaren Raumfähren die Fliegerei ins All billiger machen, doch die Rechnung ging nicht auf, tatsächlich fraßen die hoch komplizierten Raumgleiter über Jahrzehnte den Löwenanteil des NASA-Etats auf. Auch die von vielen Experten hochgelobte Internationale Weltraumstation ISS konnte an den Problemen nichts ändern. Erst jüngst gab die NASA offiziell bekannt, dass im Mai 2010 die Shuttle-Flüge eingestellt werden.

Wer dann noch zur ISS will, ist mindestens fünf Jahre lang auf "Mitfluggelegenheiten" in der wesentlich kleineren und unbequemen Sojus-Raumkapsel angewiesen. Ein russisches Monopol im All - noch vor Jahren wäre das in den USA undenkbar gewesen. Frühestens im Jahr 2015 soll der neue US-Raumtransporter Orion einsatzbereit sein.

Alte neue Visionen

Um wieder für die rechte Weltraumbegeisterung zu sorgen, gab Präsident George W. Bush neue Ziele vor: "Zurück zum Mond, zum Mars und darüber hinaus", heißt das Programm. Im Jahr 2020 soll wieder ein Amerikaner seinen Fuß auf den Mond setzten, es soll sogar eine ständige Mondbasis gebaut werden, sozusagen als "Sprungbrett" für weitere Missionen. 2037 soll dann erstmals ein Amerikaner auf dem Mars landen. (APA/dpa/red)

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    Michael Griffin hat's nicht leicht: Die Marke NASA strahlt bei weitem nicht mehr so hell wie früher.

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