"Wie Tafelwein schmeckt, ist egal"

26. September 2008, 20:21
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Die von der EU angestoßene Reform des europäischen Weinmarktes trifft auch die heimischen Winzer - Weinbaupräsident Josef Pleil im STANDARD-Interview

Pleil erklärt Johanna Ruzicka, wie die Reben zurückgestutzt werden müssen.

STANDARD: Die Weinmarktreform ist in vollem Gang. Wie wirkt sie sich auf Österreich aus?

Pleil: Wir haben das Ziel, alte Weingärten zu modernisieren. Das heißt, es wird neu gepflanzt, wobei der Winzer entscheiden muss, welche Sorte er wählt. Das ist auch ein gewisses Risiko für den Winzer ...

STANDARD: ... das im Rahmen der Reform finanziell abgefedert wird.

Pleil: Ja. Aber die Weinmarktreform finanziert sich selbst. Schließlich musste die EU Jahr für Jahr rund 1,3 Mrd. Euro in die Überschussverwertung stecken, bei dem der Überschusswein verspritet oder damit Lackverdünnung gemacht wurde. Dieses Geld wird jetzt in eine Reform des Weinmarktes gesteckt, mit dem Ziel, dass weniger Wein angebaut wird. Das heißt, dass Weinbauern Prämien bekommen, wenn sie aufhören und die Felder roden.

STANDARD: Wie ist denn das Aufhör-Angebot von den heimischen Bauern bisher angenommen worden?

Pleil: Bei uns war die Teilnahme gering. Nur 600 Hektar, nicht einmal ein Prozent der Weinfläche wird in Ackerland umgewandelt.

STANDARD: Frühere Befürchtungen, dass die halbe Wachau gerodet werden muss, waren also unbegründet?

Pleil: Das passiert sicher nicht. Wir hatten die Befürchtung, dass viele Weinbauern, bei denen es keine Nachfolge gibt, die Reform dafür nutzen könnten, aufzuhören und dass dies das typische Landschaftsbilder verändern könnte. Dem haben wir einen Riegel vorgeschoben, indem Landschaftsschutzgebiete ausgenommen wurden.

STANDARD: Künftig soll es auch beim Tafelwein Sorten- und Jahrgangsangaben geben. Zufrieden?

Pleil: Eher nicht. Da hegen wir die Befürchtung, dass minderwertige Tafelweine mit Bezeichnungen daherkommen, von denen der Kunde höhere Qualitätsvorstellungen hat. Beispielsweise wollen wir nicht, dass der gute Name, den der Grüne Veltliner hat, möglicherweise auf diese Weise zerstört wird. Beim Tafelwein gibt es ja nur eine einzige Vorgabe: Er darf nicht gesundheitsschädigend sein. Wie er schmeckt, ist egal. Wir verlangen, dass auch Tafelweine kommissionell verkostet werden müssen.

STANDARD: Es ist schon erstaunlich, dass in der EU Jahr für Jahr solche Mengen an Wein zu viel erzeugt werden: fast 50 Millionen Hektoliter.

Pleil: Früher hat man mehr getrunken. Die Arbeiter, vor allem in den Mittelmeerstaaten haben in der Mittagspause getrunken und dann vielleicht ein Schläfchen gemacht. So was verträgt sich nicht mit dem "modern way of working life". Und deshalb ist der Pro-Kopf-Konsum in der EU in den letzten 20 Jahren um die Hälfte zurückgegangen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27./28.9.2008)

Zur Person

Der Wolkersdorfer Josef Pleil (59) ist Weinbauer und Präsident des Österreichischen Weinbauverbands.

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