Rundschau: Besuch aus dem Wurmloch

    18. Jänner 2009, 18:44
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    "Terra Mater", "Breakpoint", "The Execution Channel", Bücher von Theodore Sturgeon, Brian Keene, Tobias O. Meißner, Sean McMullen, Karl-Heinz Witzko und Robin Hobb ... und ein letztes Mal "Flusswelt"

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    coverfoto: otherworld

    Brian Keene: "Die Wurmgötter"

    Gebundene Ausgabe, 280 Seiten, € 19,50, Otherworld 2007.

    Brian Keene scheint auf Weltuntergänge abonniert: In "Das Reich der Siqqusim" marschierten die Untoten auf die Menschheit los, in "Der lange Weg nach Hause" manifestierten sich Phänomene der biblischen Apokalypse - und in "Die Wurmgötter" ("The Conqueror Worms") beginnt es zu regnen. Und es hört nie wieder auf.

    Teil 1 des Buchs steigt 41 Tage nach Einsetzen der globalen Niederschläge ein: Teddy Garnett, über 80, liegt irgendwo im ländlichen West Virginia auf seinem Dachboden im Sterben und schildert rückblickend die Ereignisse. Der selbsternannte Chronist ist aber ausdrücklich "kein Schriftsteller", wie er festgehalten haben will (ein versteckter Seitenhieb auf einige von Keenes Autorenkollegen, die ihre Hauptfiguren gerne nah am eigenen Leben ansiedeln). Teddy hat es als einziger aus seinem Kaff mal über dessen Grenzen hinausgeschafft und sieht deshalb großmäulig und zugleich freundlich-abgeklärt auf das nachbarschaftliche Hinterwäldlertum herab. Das bestimmt den Ton der Erzählung: Grauen und Humor halten sich die Waage, wenn Teddy beiläufig das Voranschreiten der globalen Flutkatastrophe schildert. Vor allem die Erlebnisse mit seinem schlicht gestrickten Freund Carl Preston: Zwei alte Knacker gehen auf Erkundungstour - durch eine Welt, die das ansteigende Wasser an den Grenzen schrumpfen lässt, in der Pflanzen, Tiere und schließlich auch Menschen von schimmelartigem Weißem Flaum überzogen werden, und in der aus Erdlöchern immer größere Würmer gekrochen kommen: von Regenwurm- bis zu Graboiden-Größe und schließlich weit darüber hinaus. "Der frühe Wurm fängt den Vogel", heißt es nicht ohne Grund in der Einleitung.

    Als Überlebende von auswärts eintreffen, blendet der Roman auf deren Bericht: Kevin, Sarah und einige andere hatten sich im überfluteten Baltimore in einem Hotel verschanzt. Wieder wird auf Vorgeschichte(n) verzichtet - die Katastrophe ist bereits eingetreten und schon im ersten Satz von Teil 2 treibt ein abgetrennter Kopf auf dem Wasser ... Der tägliche Kampf der Gruppe ums Überleben ist dabei nur ein kleiner Ausschnitt eines großen dunklen Panoramas - das machen ihnen die Reiseschilderungen vorbeisegelnder Flüchtlinge klar (während sich Teddy und Carl auf TV-Berichte stützen mussten, solange es noch Fernsehen gab). Und langsam setzt sich von beiden zeitlichen Enden her das gesamte Puzzle zusammen.

    Was Brian Keene - neben dem angemessenen Ekel-Faktor seiner Erzählung - auszeichnet, ist wie stets die Reflexion des Geschehenden. Teddy vergleicht den Perspektivenwechsel in der Mitte seiner Chronik mit H.G. Wells' "Krieg der Welten" und die ProtagonistInnen wälzen wie schon in "Der lange Weg nach Hause" die unterschiedlichsten Theorien, was in aller Welt hier nur vorgehen mag. Nicht dass Keene deswegen die alles-erklärende Lösung parat halten würde. Aber gerade das, nämlich dass er erkannt hat, wie logisch und literarisch unbefriedigend jeder deterministische Erklärungsversuch letztlich bleiben muss, hebt ihn über Dean Koontz und dessen - oberflächlich betrachtet ähnlich gearteten - Roman "Todesregen" hinaus. So darf bzw. muss spekuliert und wieder verworfen werden ... und so wird auch Cthulhu höchstselbst zu einem Auftritt kommen - nur in welcher Form, sei hier nicht verraten.

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