Rundschau: Besuch aus dem Wurmloch

    18. Jänner 2009, 18:44
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    "Terra Mater", "Breakpoint", "The Execution Channel", Bücher von Theodore Sturgeon, Brian Keene, Tobias O. Meißner, Sean McMullen, Karl-Heinz Witzko und Robin Hobb ... und ein letztes Mal "Flusswelt"

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    coverfoto: klett-cotta

    Sean McMullen: "Seelen in der großen Maschine"

    Broschiert, 629 Seiten, € 20,50, Klett-Cotta 2006.

    Einen der originellsten Zukunftsentwürfe des vergangenen Jahrzehnts präsentierte der Australier Sean McMullen mit seinem "Greatwinter"-Zyklus. Knapp 17 Jahrhunderte nachdem unser Zeitalter in einem Großen Winter endete (möglicherweise einem nuklearen), leben Menschen im Süden Australiens in einem losen Verbund von Stadtstaaten. Ihr technologischer Stand ist schwer zu definieren: Dampfkraft und Elektrizität sind religiös geächtet (aus einem wesentlich handfesteren Grund, wie sich noch herausstellen wird), dennoch kann eine de facto vormoderne Kultur, die sich noch dunkel an eine hochtechnologische Vergangenheit erinnert, nicht mit einer verglichen werden, die nie diesen Stand erreicht hat. Information ist der Leim, der die Gesellschaft Austariens zusammenhält: Etwa in Gestalt der Signalfeuerlinien, die die Kommunikation zwischen den Stadtstaaten per Lichtsignalen aufrecht erhalten. Und des Bibliotheksverbunds, der mit der Staatsbibliothek Libris in Rochester das Herz und geistliche Machtzentrum Austariens bildet.

    Die Bibliothekare sind aber keine verhuschten Stubenhocker, sondern eine streng hierarchisch durchorganisierte Quasi-Geistlichkeit mit verpflichtender Ausbildung an der Schusswaffe: Duelle stellen ein anerkanntes Mittel der Rechtsprechung dar, vor Gericht kann eine legale Blutrache beantragt werden - generell fällt "Seelen in der großen Maschine" durch einen kühlen Umgang mit dem Thema Gewalt auf. Zarvora Cybeline hat es geschafft, sich unter raffinierter Auslegung der strengen Duell-Regeln an die Spitze der Hierarchie zu schießen und das Amt des Hohelibers bzw. Schwarzdrachen einzunehmen. Doch tat sie dies nicht aus Machtgier, sondern weil sie als einzige weiß, dass im Orbit noch ein Erbe des HighTech-Zeitalters kreist und einen neuerlichen Weltuntergang auslösen könnte. "Der Große Winter stellt eine Bedrohung der Zivilisation dar, und die Zivilisation ist ganz nach meinem Geschmack": Diese Äußerung beschreibt die Eiserne Lady besser als jede lange Abhandlung.

    Mit demselben rücksichtslosen Pragmatismus, den sie zum Erlangen ihres Amts einsetzte, lässt sie nun mathematisch begabte Personen kidnappen, um sie zu einem Rechenverbund, dem Kalkulor, zusammenzuschließen: McMullen erinnert damit an den kaum noch geläufigen Umstand, dass das Wort "Computer" vor der Gleichsetzung mit einer Maschine ursprünglich eine Berufsbezeichnung für Menschen war, die komplizierte Aufgaben zerlegt in einzelne Rechenschritte bearbeiteten. Genau das erledigen die Entführten nun: Als ADDIERER 17 oder FUNKTION 9 ihrer Individualität beraubt, ermöglichen sie es Zavora, die Infrastruktur ihrer Heimat umzukrempeln und sie auf die Entwicklung einer Waffe gegen einen neuerlichen Großen Winter vorzubereiten. Politische Intrigen und Krieg bremsen das Projekt - die junge Bibliothekarin Lemorel Milderellen mit ihrer blutigen Vergangenheit und einer noch blutigeren Zukunft wird dabei für Zarvora zu einer ganz besonderen Herausforderung.

    Nicht immer entwickelt sich der ohnehin komplexe Plot in perfekter Balance - allerdings ist man von der unglaublichen Fülle an ungewöhnlichen Ideen derart gefesselt, dass man dies kaum registriert. Der Galeerenzug etwa, in dem die Fahrgäste in ihren Kabinen selbst in die Pedale treten müssen - wer fleißig ist, muss keinen Fahrpreis berappen, sondern bekommt ein Guthaben ausgezahlt. Im Meer tummeln sich intelligente Wale, die allerdings nicht mehr die sanften Esoterik-Lieblinge unserer Tage sind. Und an Land müssen alle mit dem Ruf leben: Ein mysteriöses Phänomen, das in unregelmäßigen Abständen alle Säugetiere über Katzengröße befällt und sie in einem willenlosen Zustand Richtung Süden zieht (welchem Schicksal entgegen, wird dann eher beiläufig erklärt, weil schon längst neue Bedrohungen anstehen). Menschen können sich gegen den Ruf nur schützen, indem sie ständig einen Leibanker tragen: Der ist mit einem Zeitschalter versehen, der regelmäßig neu aufgezogen werden muss. Tut ein Mensch dies nicht, weil sein Gehirn im Zustand des Rufs ausgeschaltet ist, setzt ihn sein Anker an Ort und Stelle sicher fest.

    "Souls in the Great Machine" (1999) bietet eine einzigartige Mischung aus Science Fiction (sogar Hard SF), Steampunk und Wildwest und war der erste Teil einer Trilogie - in der Übersetzung ist es leider dabei geblieben. Die gute Nachricht für Anglophobe: Die bisherige Haupthandlung ist mit Ende des Romans abgeschlossen, er kann problemlos als Einzelwerk gelesen werden. - Für das Lesen der englischsprachigen Fortsetzungen sprechen allerdings einige vielversprechende Ansätze gegen Ende der "Seelen": Unter anderem wird kurz zu einer anderen Zivilisation auf dem nordamerikanischen Kontinent umgeblendet. Nachzulesen in "The Miocene Arrow" (2000) und "Eyes of the Calculor" (2001), beide inzwischen auch als Taschenbuch erhältlich. Große Empfehlung!

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