Rundschau: Besuch aus dem Wurmloch

    18. Jänner 2009, 18:44
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    "Terra Mater", "Breakpoint", "The Execution Channel", Bücher von Theodore Sturgeon, Brian Keene, Tobias O. Meißner, Sean McMullen, Karl-Heinz Witzko und Robin Hobb ... und ein letztes Mal "Flusswelt"

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    coverfoto: shayol

    Theodore Sturgeon: "Lichte Augenblicke" und "Die Goldene Helix"

    Broschiert, 231 bzw. 223 Seiten, jeweils € 15,40, Shayol 2003/05.

    Für einen versöhnlicheren Ausklang dieser Rundschau sei hier ein Klassiker empfohlen: Theodore Sturgeon, als Zeitgenosse von Alfred Bester und Cordwainer Smith Vertreter eines ersten "Goldenen Zeitalters" der Science Fiction. Und mit den Genannten teilt er nicht nur ein hohes stilistisches Vermögen ... sondern auch das Schicksal, dass in den vergangenen Jahren kaum eines seiner Werke auf Deutsch wiederveröffentlicht worden ist. Der kleine Berliner Shayol-Verlag ist hier in die Bresche gesprungen und hat unter dem Titel "Die besten Erzählungen von Theodore Sturgeon" eine zweibändige Kurzgeschichtensammlung herausgebracht, die Publikationen aus dem Zeitraum von 1947 bis 1970 umfasst. Der Schwerpunkt von "Lichte Augenblicke" (I) und "Die Goldene Helix" (II) liegt auf Sturgeons wichtigster Schaffensphase, den 50er Jahren.

    Darin finden sich brillant konstruierte Erzählungen wie "Der Mann, dem das Meer abhanden kam" (II): Die komplett in der Möglichkeitsform geschriebene Geschichte eines Mannes, der sich - zur Hälfte im Sand eingegraben - in einem Schockzustand befindet. Langsam setzt sich aus Fragmenten seine Erinnerung daran zusammen, in welcher Situation er sich wirklich befindet - atemberaubend! Oder "Biancas Hände" (II) über den jungen Ran, der sich in die Hände der Titelfigur verliebt: Ihre Hände wollten sie nicht füttern - sie waren reizende Aristokraten, wunderschöne Parasiten, die in ihrer Tierhaftigkeit von dem schwerfälligen, gedrungenen Körper abhingen, der sie umhertrug, und dem sie nichts zurückgaben. Poetische Sinnlichkeit und eine latent unheimliche Atmosphäre halten sich darin ebenso die Waage wie in der Erzählung "Lichte Augenblicke" (I), in der der geistig zurückgebliebene Protagonist eine verletzte Frau nicht ins Krankenhaus bringt, sondern sie zur Pflege in seine Wohnung schleppt. Noch dunkler ist "Denkweise" (II) ausgefallen, das der Voodoo-Thematik einen originellen und zugleich grimmigen Twist verleiht.

    Es sind auch pure Horror-Stories enthalten wie "Killdozer" (I) über eine von einem fremden Wesen besessene Planierraupe oder "Es" (II)  über das Monster aus dem Wald: Das mögen Klassiker ihres Genres sein, mit den SF-Geschichten können sie aber nicht mithalten. Die Faschismus-Parabel "Herr Costello, Held" (II) vom Unruhestifter, der Misstrauen sät und damit einen ganzen Planeten umkrempelt, besticht nicht zuletzt durch ihren unerwarteten Lösungsvorschlag am Ende. "Donner und Rosen" (I) beschreibt melancholisch die letzten Tage auf einem abgelegenen Army-Stützpunkt nach dem Atomschlag: Die Gedanken der Eingesperrten kreisen darum, welche sinnliche Wahrnehmung sie nun zum letzten Mal erlebt haben könnten, und eine verstrahlte Sängerin verkündet die Botschaft, auf den Gegenschlag zu verzichten - beides verbindet sich zu einem Plädoyer für die Bedeutung des Lebens an sich. In "Die Fähigkeiten Xanadus" (II) trifft der Abgesandte einer streng disziplinierten Gesellschaft mit Expansionsgelüsten auf die egalitäre Kultur eines anderen Planeten, die sich als so sanft wie Wasser erweist. Aber auch als so unaufhaltsam. Und "Das [Fringding], das [Frangding] und Boff" (I) erweckt nur kurzfristig den Eindruck einer absurd-komischen Erzählung, ehe sie in der Schilderung eines außerirdischen Experiments mit dem sozialen Gleichgewichtssinn wieder zu einer wunderschön menschlichen Grundaussage findet.

    Alle Geschichten wurden neu übersetzt, überdies sind eine umfassende Bibliografie Sturgeons (II) und - schade, dass diese Kultur bei aktuellen Publikationen nicht mehr gepflegt wird! - zwei Vorwörter von prominenten Autorenkollegen enthalten, nämlich von Ray Bradbury (II) und - viel interessanter - Samuel R. Delany (I). Letzteres enthält unter anderem die Empfehlung viel zu lesen, um nicht einer Atrophie der Aufnahmefähigkeit zu erliegen - na, wenn das kein befolgenswertes Motto ist!

    Die nächste Rundschau wird von einem Touch Magic Realism gestreift - außerdem geht es hinab zu Dantes Inferno und hinauf in ein Universum, das seinen Source Code ändert. (Josefson)

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