Rundschau: Eine Geschichte von zwei Totenstädten

    16. November 2008, 18:44
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    "Am Ende der Leitung" und am Pol der "Flusswelt", "Necroville", "Hölle", "Tristopolis 2" sowie Bücher von Terry Pratchett, Lynn Flewelling, Andreas Eschbach und Alan Dean Foster

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    coverfoto: piper

    Will Elliott: "Hölle"

    Broschiert, 387 Seiten, € 17,40, Piper 2008.

    Alle hassen Clowns. Oder genauer: Alle haben Angst vor ihnen - selbst Kinder, die noch nicht mit Pennywise in Berührung gekommen sein können, wie eine britische Studie Anfang dieses Jahres zeigte. Der bemerkenswerte Prozentsatz an befragten Vier- bis Sechzehnjährigen, die Ängste und Ablehnung eingestanden: Hundert.

    Es lässt also nichts Gutes erwarten, dass der junge Jamie aus Brisbane eines Nachts beinahe einen Clown mit dem Auto umfährt und diesem - nebst zwei Kollegen - kurz danach unter nicht weniger makabren Umständen erneut begegnet. Und dann hat Jamie in direkter Folge die zwei schlechtesten Ideen seines Lebens: Er nimmt einen Beutel mit seltsamem Staub, den einer der Clowns verloren hat, an sich ... und streut ein bisschen davon seinem nervtötenden WG-Kumpel in die Milch. Als er das nächste Mal von seiner Portier-Nachtschicht in einem "Gentlemen's Club" zurückkehrt, findet er sein Wohnhaus auf staunenswert ekelerregende Weise verwüstet vor. Und man hat ihm und seinem Opfer ein Ultimatum hinterlassen: Bringt uns zum Lachen, oder ...

    Mit einem tolldreisten Einfall besteht Jamie die Probe und wird vom Clown Gonko und dessen reichlich irren Spießgesellen zu "The Pilo Family Circus" (so auch der Originaltitel des Romans) entführt: Ein als Dixi-Klo getarnter Fahrstuhl bringt sie in eine bizarre unterirdische Parallelwelt, die innerhalb ihrer Umzäunung den "größten Zirkus der Welt" birgt, während draußen undurchdringlicher weißer Nebel wallt. Du bist hier genau genommen nicht mehr auf der Erde, wird Jamie von einer Wahrsagerin eröffnet, die ebenso echt ist wie die Freaks der Monsterschau, der Magier mit Turban, die Zwerge und Kraftmenschen und all die anderen Zirkus-Archetypen, die den Roman mit Leben füllen. Beziehungsweise mit Blut: Denn die einzelnen Artistengruppen sind sich nicht nur untereinander spinnefeind, sondern führen auch Außenarbeiten in der Oberwelt durch. Dabei setzen sie gezielt Ereignisketten in Gang, die auf lange Sicht stets dem Unwohl der Menschheit dienen. Als Lehrling Gonkos in der Clown-Truppe macht Jamie einen Persönlichkeitswandel durch: Mit dem Auftragen der Clownschminke steigen tief in ihm verborgen gewesene dunkle Züge an die Oberfläche und der sympathische Loser wird zum Serienmörder. Fortan muss Jamie mit seinem psychotischen Alter Ego "JJ", dessen Wahnsinnstaten ihn entsetzen, um die Vorherrschaft über seinen Verstand ringen.

    An Will Elliotts Roman kam man in diesem Jahr kaum vorbei: Es regnete Preise, hymnische Kritiken - befeuert nicht zuletzt durch den Umstand, dass Elliotts Debütwerk über einen australischen Literaturwettbewerb das Licht der Öffentlichkeit erblickte - und sogar Kino-Werbespots. Trägt der Hype? - Ja, das tut er: "Hölle" ist ein ausgesprochen spannendes Leseerlebnis, nur selten leistet sich Elliott einen Fehltritt (dass der Zweite Weltkrieg das Meisterwerk der "Pilo"-Familie war, ist denn doch ein wenig übertrieben ...). In den Vordergrund wird dabei meist der ins Fantastische enthobene seelische Konflikt des Protagonisten gerückt - als Metapher für unser aller Ringen mit den dunklen Seiten unseres Ichs. Ein anderer Aspekt sollte aber auch nicht vergessen werden: Wir leben in einer Zeit, in der der Zirkus in seiner alten Form im Sterben liegt. Tiernummern gelten (zu Recht) als verpönt, Akrobatik kann man im Kino viel perfekter sehen, Wahrsagerinnen haben ihre eigenen TV-Kanäle und die weltbesten Magier gehen solo auf Tournee. Was übrig bleibt und durch die Provinz tingelt, macht höchstens noch traurig. Elliott aber bringt die alte Faszination für den Zirkus zurück - mag es auch eine Faszination des Grauens sein. Ob gewollt oder als Ausdruck einer unterbewussten Sehnsucht: "Hölle" ist - so pervers es klingt - nicht zuletzt eine große Liebeserklärung an den Zirkus.

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