Rundschau: Eine Geschichte von zwei Totenstädten

    16. November 2008, 18:44
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    "Am Ende der Leitung" und am Pol der "Flusswelt", "Necroville", "Hölle", "Tristopolis 2" sowie Bücher von Terry Pratchett, Lynn Flewelling, Andreas Eschbach und Alan Dean Foster

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    coverfoto: piper

    Philip Josè Farmer: "Das magische Labyrinth. Flusswelt-Zyklus 4"

    Broschiert, 555 Seiten, € 9,20, Piper 2008.

    Wiederveröffentlichungen sind im deutschsprachigen Raum dünn gesät - umso schöner, dass es mit "Flusswelt" einen lange vergriffenen echten Klassiker wieder zu haben gibt. Passenderweise 2008 herausgegeben: dem Jahr, in dem außerirdische Besucher die Menschheit auslöschten ... so will es zumindest eines der unzähligen Gerüchte, die an den Gestaden des viele Millionen Kilometer langen Flusses unter den wiederweckten Toten kursieren. Aber kann man dem Glauben schenken? Immerhin tritt unter den Gestrandeten einer auf, der behauptet aus dem 72. Jahrhundert zu kommen, und auch das Jahr 1983 (nach dem Erscheinen der englischsprachigen Originalausgabe von "The Magic Labyrinth") scheint eine bedeutende Zeitenmarke darzustellen. Wie gehabt tappen also die ProtagonistInnen durch die Nebel des Großen Geheimnisses - aber soviel kann verraten werden: Am Ende des vorliegenden vierten Bandes wird es tatsächlich gelöst werden!

    Aporopos unübersichtliche Lage: Wer die ersten drei Teile nicht gelesen hat, könnte sich inzwischen etwas schwer tun (hier eine kurze Einführung zur allgemeinen Orientierung) - frühere Episoden und Charaktere sonder Zahl spielen für die aktuelle Handlung eine Rolle, vor allem wenn die Hauptfiguren vergangene Begegnungen nachträglich daraufhin analysieren, wer ein maskierter Ethiker - also einer der scheinbar allmächtigen Verantwortlichen des Flusswelt-Projekts - oder deren Agent gewesen sein könnte. Das Misstrauen blüht, und auf ihren letzten Abschnitten nimmt die Expedition zum Dunklen Turm am Pol der Flusswelt Agatha Christie-artige Züge an.

    Seit Band 1 sind Jahrzehnte vergangen, und die Zeichen stehen auf Eskalation: Wer im Flusstal stirbt, wird nicht mehr wiedererweckt, der Ausfall der Nahrung spendenden Gralsteine führt zu Hungerkriegen und das von Rachedurst angefeuerte Wettrennen der Schaufelraddampfer findet sein Ende: Samuel Clemens alias Mark Twain jagt auf seiner "Nicht Vermietbar" in Begleitung von Cyrano de Bergerac und dem lispelnden Titanthropen Joe Miller dem englischen König John Lackland hinterher, der ihm einst sein erstes Schiff gestohlen hat; Richard Burton (der Entdecker, nicht der Schauspieler) und Alice Hargreaves hat es als Passagiere an Bord von Johns Schiff verschlagen. So werden alle Hauptfiguren der bisherigen Bände in den unvermeidlichen Showdown hineingezogen - und der findet in Form einer 100-seitigen infernalischen Schlacht zwischen den mit MGs, Kampfflugzeugen und Torpedos ausgestatteten Flussdampfern statt. Schauplatz ist ausgerechnet das paradiesische Virolando, Zentrum der pazifistischen Kirche der Zweiten Chance, als deren Bischof der einstige Nazi-Bonze Hermann Göring endlich die lange ersehnte Läuterung erlangt hat. Farmer - in Sachen Gewaltdarstellungen nie eine Zimperliese - liefert mit der Beschreibung einer Schlacht, die von der High Tech-Auseinandersetzung zum primitiven Hauen und Stechen absinkt und so nebenbei ein mögliches Eden verwüstet, seinen ganz eigenen Kommentar zum Thema Krieg ab.

    Wieder fügen sich Abenteuer, philosophische Einschübe und historische Exkurse (Farmer gab schon immer gern Angelesenes zum Besten) zu einem beeindruckenden Ganzen - und immer wichtiger wird auch die charakterliche Entwicklung der Hauptfiguren: Ein Kapitel wird von einer einzigen Tirade Burtons, in der der aufbrausende Egozentriker zwischen Größenwahn und Selbstmitleid oszilliert, eingenommen. Und der einstmals so liebenswerte Mark Twain - geplagt von den Erinnerungen an seine verlorene Familie und all das, was er auf der Flusswelt bereits verbrochen hat - mutiert zusehends zum Fanatiker: "Ich bin der absolut friedlichste Mensch, den es überhaupt gibt!" schreit er, ehe er sich blutdürstig in die letzte Schlacht werfen wird. - Am Ende erfahren die Überlebenden buchstäblich das Geheimnis der Schöpfung, was eine Seele wirklich ist und andere Kleinigkeiten ... Halbherzigkeit hat sich Farmer für sein "Flusswelt"-Konzept nicht geleistet. "Das magische Labyrinth" ist Höhepunkt und eigentlicher Abschluss des Zyklus - mit einem kleinen Cliffhanger am Ende, der den fünften Band (erscheint im Dezember) trotzdem rechtfertigt.

    Als Kaufanreiz für Altfans enthält "Das magische Labyrinth" - eine leicht überarbeitete Neuversion der Übersetzung von Ronald M. Hahn aus dem Jahr 1981 - eine ca. 60-seitige Novelle: "Die Überquerung des dunklen Flusses" ("Crossing the Dark River", 1992) spielt wenige Jahre nach der Aktivierung der Flusswelt und dreht sich um einen von Farmers Vorfahren, den Osteopathen Andrew Paxton Davis, der sich gemeinsam mit einem Wikingerkönig und dem als "Dr. Faustvoll" auftretenden Dichter Alfred Jarry ebenfalls auf die große Reise den Fluss entlang begibt. Mehr Episode als abgeschlossene Einheit, war die Erzählung wohl als Startschuss für weitere Abenteuer gedacht und gehört zu einem Bündel an "Flusswelt"-Geschichten aus den frühen 90ern, die nie auf Deutsch erschienen sind.

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