Rundschau: Eine Geschichte von zwei Totenstädten

    16. November 2008, 18:44
    37 Postings

    "Am Ende der Leitung" und am Pol der "Flusswelt", "Necroville", "Hölle", "Tristopolis 2" sowie Bücher von Terry Pratchett, Lynn Flewelling, Andreas Eschbach und Alan Dean Foster

    Bild 10 von 10
    coverfoto: goldmann

    Terry Pratchett: "Der Winterschmied"

    Broschiert, 379 Seiten, € 9,20, Goldmann 2008.

    Jetzt auch als Taschenbuch erschienen (was nicht zu verachten ist, erlaubt es doch im "Billy" den Regalboden um ein Loch zu versetzen, was bei konsequenter Weiterführung Platz für eine zusätzliche Reihe schafft!) ist das dritte "Scheibenwelt"-Abenteuer um Tiffany Weh: Jenes Mädchen, das einst von der Hexensucherin Fräulein Tick den besten pädagogischen Rat erhielt, der jemals in einem Kinderbuch erschien: "Wenn du dir selbst vertraust ..." - "Ja?" - "... und an deine Träume glaubst ..." - "Ja?" - "... und deinem Stern folgst ..." - "Ja?" - "... dann wirst du trotzdem von Leuten übertroffen, die ihre Zeit damit verbringen, hart zu arbeiten und zu lernen und nicht so faul zu sein. Auf Wiedersehen."

    Inzwischen ist Tiffany selbst Hexe in Ausbildung, muss zwar noch einen Besen mit Stützrädern fliegen, besitzt aber bereits das Statussymbol schlechthin, das das Verhalten ihrer Umwelt ihr gegenüber entscheidend verändert hat: einen spitzen schwarzen Hut. Aber Tiffany ist auch ein ganz normales 13-jähriges Mädchen, und dem Verbot am Dunklen Moriskentanz teilzunehmen widersetzt sie sich so natürlich und ohne darüber nachzudenken, wie es ihrem Alter entspricht. Das hat Folgen, denn ihr Tanzpartner ist nichts Geringeres als eine jahreszeitliche Naturgewalt - der Winterschmied -, die durch den unerwarteten Kontakt eine Art Bewusstsein zu entwickeln beginnt. Und dieses Bewusstsein hat an Tiffany einen Narren gefressen.

    Doch Liebesbekundungen einer Naturgewalt fallen ihrem Wesen entsprechend aus: Im schlimmsten Winter seit Scheibenweltgedenken droht das Land unter Schneewehen aus Flocken in Tiffany-Form zu ersticken.  Dass die Lage wirklich brisant wird, zeigt nicht nur der ungewöhnlich grimmige Romaneinstieg, sondern auch der Auftritt von Pratchetts kompromisslosestem und Ehrfurcht gebietendstem Troubleshooter: Oma Wetterwachs!!! Gemeinsam mit deren sybaritischer Kollegin Nanny Ogg und Tiffanys Schutz- und Plagegeistern, den Wir-sind-die-Größten, stellen sich die Hexen der Verantwortung, die ihr Berufsstand nun einmal mit sich bringt. - Und Pratchett hat einmal mehr Gelegenheit, in Form der Hexen und ihrer auf Tricks (Stichwort Boffo), tiefem Verständnis für das Wesen der Welt und viiiiel praktischem Verstand beruhenden Macht seine Philosophie der lustvollen Entzauberung darzulegen. Es lebe die Vernunft - nichts hat soviel Magie wie sie, auch im x-ten "Scheibenwelt"-Roman bewahrheitet sich dies aufs Schönste.

    Und nächsten Monat, in der letzten Rundschau für heuer, wird es unter anderem um den vielleicht besten Kurzgeschichten-Autor seit James Tiptree Jr. gehen - der heuer schon wieder alle wichtigen Preise abgesahnt hat, ein Phänomen. (Josefson)

    Share if you care.