A Urdnung muass sein ...

25. September 2008, 19:19
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Was hat eine Fußgängerampel systemtheoretisch mit einem Einkaufswagerl und dem Bankencrash zu tun? - Von Hellmut Butterweck

Was hat eine Fußgängerampel systemtheoretisch mit einem Einkaufswagerl und dem Bankencrash zu tun? - Auf den Spuren einer Strafaktion in einem Wiener Gemeindebau, wenige Tage vor der Nationalratswahl.

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Die Fußgängerampel mit dem Druckknopf ist ein System von geringer Komplexität, dessen funktionsgerechte Steuerung kein Problem darstellen sollte. Sie gibt, sobald ein Fußgänger den Knopf betätigt, den Fußgängerübergang frei. Natürlich sollen die Autos nicht alle zwei Minuten angehalten werden. Daher ist vernünftigerweise eine Pause vorgesehen, bevor sie ein weiteres Mal für sie auf Rot schaltet. Leider ließ sich die Fußgängerampel, an die ich denke, so viel Zeit, bevor sie umsprang, dass die Fußgänger die Straße längst wild überquert hatten, wenn die Autos endlich anhielten. Man braucht kein Kybernetiker zu sein, um auf eine praktikable Lösung des Problems zu kommen: Die Ampel kann ja auch so geschaltet werden, dass sie nach dem Knopfdrücken für die Fußgänger auf Grün und für die Autos auf Rot schaltet, aber erst nach einer Zwangspause wieder betätigt werden kann, sodass eventuell nachher Kommende etwas warten müssen. Jetzt hält die Ampel alle paar Minuten vor einem leeren Zebrastreifen automatisch den Verkehr an, denn meistens wird der Übergang gerade nicht benützt.

Nun zum Einkaufswagerl, diesem praktischen Ding. In der Gegend, an die ich denke, hatte sich ein im Vergleich mit einer Fußgängerampel noch viel weniger komplexes, aber dafür sehr effizientes System entwickelt. Viele Leute, darunter Pensionisten, denen das Tragen schon schwer fällt, führten regelmäßig ihre Einkäufe im dem Supermarkt gehörenden Einkaufswagerl zu ihrer Stiege in der unmittelbar angrenzenden großen Gemeindebauanlage. Der Supermarkt beschäftigte einige gering qualifizierte Arbeitskräfte damit, die stehengebliebenen Wagerln einzusammeln und in langen Kolonnen zurückzubringen. Dieses System hatte sich gut eingespielt, und die Kosten für ein paar Leute, die froh über einen bescheiden bezahlten Job waren, dürften keine große Rolle gespielt haben.

Bis eines Tages zwei "Organe" (ohne Dienstmützen, trotzdem hätte man in Wien früher Amtskappeln zu ihnen gesagt) die Übeltäter beim Schlafittchen packten und wegen der "Tathandlung", durch Abstellen eines Einkaufswagens "eine Straße mit öffentlichem Verkehr oder eine öffentlich zugängliche Grünfläche verunreinigt" zu haben, zu einer Strafe von 36 Euro verdonnerten. Viel Geld angesichts einer ohne Vor- oder Verwarnung erfolgten Aktion. Das mit dem jedermann bekannten Risiko einer Bestrafung verbundene Delikt des falschen Parkens kommt jedenfalls viel billiger. Aber das ist nicht das Wesentliche der Sache. Worauf es mir ankommt, das ist die mutwillige Zerstörung eines informellen, wenn auch am Rande der Legalität entstandenen Systems, das statt einer Bestrafung eine Förderung der Wagerl-Rückholer durch die Arbeitsmarktpolitik verdient hätte. Werden lokal funktionierende informelle Kleinsysteme der Selbsthilfe nicht ständig gepriesen - außer, so etwas entwickelt sich ausgerechnet hier in Wien?

Umwelt-Sheriffs

Vielleicht lauern die Umwelt-Sheriffs jetzt bei der stillgelegten Problemstoff-Sammelstelle, die, in bester zentraler Lage, nach Jahren plötzlich geschlossen wurde, weil ja nicht nur eine "Urdnung", sondern auch eine Abwechslung sein muss. Woher nehmen die Bürger das Recht, feste Gewohnheiten zu entwickeln? Die zuständige Magistratsabteilung hält sie in Trab.

Die eingangs angedeutete Konsequenz für das Bankensystem ist sonnenklar: Einer zweibeinigen Tiergattung, die nicht einmal in der Lage ist, eine Fußgängerampel optimal zu schalten, dafür aber funktionierende Systeme kaputtmacht, weil sie irgendeiner "Vurschrift" widersprechen und weil eine Urdnung zu sein hat, hätte die Evolution nie und nimmer gestatten dürfen, ein hochkomplexes Bankensystems zu entwickeln. Aber bekanntlich ist die Evolution ja leider blind.

Die Wagerl-Strafaktion hat übrigens nicht nur eine systemtheoretische, sondern auch eine psychologische und politische Dimension. Es könnte ja weitere Akteure geben. Zum Beispiel die von Verhaltensforschern angeblich in Gemeindebauten besonders oft beobachtete Unterspezies des "urdnungsliebenden" Anstoßnehmers, der sich durch ein Wagerl vor seiner Haustür möglicherweise gestört fühlt und der Obrigkeit den Vorwand zum einträglichen Einschreiten liefert. Die politische Dimension ergibt sich aus dem Zeitpunkt der Strafexpedition. Sie erfolgte nämlich eine Woche vor der Wahl. Vielleicht war sie gar nicht so dumm wie gedacht, sondern gut überlegt? Aber von wem? (Hellmut Butterweck, DER STANDARD, Printausgabe, 26.9.2008)

Zur Person

Hellmut Butterweck, Journalist und Schriftsteller, lebt in Wien; zuletzt erschien von ihm der Roman "Tote im Verhör"(Picus).

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    Empört über "mutwillige Zerstörung funktionierender Kleinsysteme": Hellmut Butterweck

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    Wehe, wenn die Ordnung kippt: "Tatwaffe" Einkaufswagerl ...

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