Österreich ist tollwutfrei!

25. September 2008, 17:06
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Die Aufregungen der letzten Wochen waren beträchtlich: 231 Mio. Euro und ein Fiakergespann Produktionstagebuch Folge 24 mit Wahltipps!

Die Aufregungen der letzten Wochen waren beträchtlich. Diverse Hallos in respektabler Größe, im In- sowie auch im Ausland, nicht nur an den Börsen. Das Wichtigste für Sie hier zusammengefaßt, wie gewohnt exklusiv und aus erster Hand:

In der vorletzten Ausgabe unseres Periodikums haben wir über die unvergleichlichen Förderaktivitäten des Filmfonds Wien berichtet. Das hat uns ein überwältigendes Echo und umfangreiche Leserpost eingetragen. Viele haben sich sehr gefreut, manche den mitgeteilten Inhalt aber nicht recht glauben können, so wie z.B. Leserin "Die rote Friederike":

"Sehr geehrte Herren,

Frau staunt. Als kulturinteressierte Bürgerin dieser Stadt ist man verdrießliche Nachrichten eigentlich schon so gewohnt, dass ich Ihren Artikel zweimal lesen mußte. Oft wird im besten Fall das Mittelmaß gepflegt, meist deutlich weniger. Wenn man sich ein paar Beispiele der letzten Zeit vergegenwärtigt - Stichwort Szene-Wien-Übernahme-Freunderlwirtschaft, Stichwort Vindobona, Stichwort Wiener Lustspielhaus, ... oder der unglaubliche Prater-Eingangsbereich-Paravent um 32 Mio. Euro, bei dem die ausführenden Firmen nur einen Bruchteil ihrer Kosten bezahlt bekommen haben, wie man hört -wo wird da der Rest des Geldes wohl gelandet sein? Wenn man alles vorsätzlich schlecht gestalten möchte, besser ginge es wohl kaum. Umso mehr freu' ich mich zu hören, dass von der Stadt auch einmal ein Projekt unterstützt wird, das mich bereits bislang oft zum Schmunzeln gebracht hat und etwas mit der Gegenwart zu tun hat.

Alles Gute weiterhin, freue mich schon sehr auf den Film!"

Liebe "Rote Friederike", das schmeichelt uns natürlich, wir freuen uns auch schon sehr auf den Film. Was die Aktivitäten der Stadt und des in unserem Fall zuständigen Filmfonds Wien betrifft, entspricht die Realität doch eher den von Ihnen wenig geschätzten Erscheinungsformen. Man geht von einer seriösen Realität aus, die nachvollziehbaren Prinzipien produktiver Art folgt, kommt aber stattdessen mit einer schleißigen Fiktion des Realen in Berührung aka Menschen, die der eigentliche Gegenstand ihrer Arbeit wenig interessiert oder schlichtweg überfordert sind. Eine profane Fiktion des Realen quasi.

Die profane Fiktion des Realen erschien in unserem Fall in Wien u.a. im Kleid des sog. "Wien-Bezugs". Ein Wienbezug, das wissen Stammleserinnen und -leser bereits, ist zwar keine Tuchenthülle mit Heurigenmotiven, aber so etwas Ähnliches. Für einen Wienbezug ist es günstig, wenn etwa während einer Verfolgungsjagd in Wien Fiaker, Stephansdom oder Riesenrad dominant ins Bild gerückt werden - der neue Pratervorbau gilt Kraft seiner Genesis natürlich auch als erstklassiger Wienbezug - sonst tätigt die Stadt Wien keine Einzahlung in den betreffenden Film. Die aktuelle Filmfondsgeschäftsführung erhob den Wienbezug während einer laufenden Bewerbung zur conditio sine qua non, wie gerne gesagt wird, und beschied unser Projekt u.a. abschlägig, weil es ihm an eben einem solchen ermangele. Nicht nur, daß das eine unseriös ist, das andere, wenig überraschend, Quatsch, es wurden in derselben Sitzung natürlich reihenweise Projekte zur Herstellung gefördert, die allesamt irgendwo gedreht werden nur nicht in Wien. (Wie auch Filme wie „La Bohème" oder „Die Fälscher" in der Vergangenheit mitfinanziert wurden, ohne daß extra ein Fiakergespann oder der Heldenplatz hineinreklamiert worden wären.)

Kann man sagen: „Selber schuld, wenn man glaubt, was aus einer solchen Quelle sprudelt", muß man aber nicht. Erstens gibt es verbindliche Richtlinien, und zweitens, das weiß man mittlerweile aus den USA ganz gut, wenn wo was nicht funktioniert, dann kostet die Reparatur des Schadens immer viel Geld, und zwar den weltberühmten Steuerzahler und seine Frau. Wenn wo ein Wasserhahn tropft, dann dichtet man auch besser früher ab als später, oder tauscht sogar die ganze Armatur aus. Das behebt den Schaden und schaut oft auch viel schöner aus.

"Gratulálunk! Ez nagyon szép eredmény. Csak így tovább!"

Sinngemäß wurde uns vom Regionalförderer, der in unserer Umgebung haust, mitgeteilt, wenn unser Film so ein großes Potential habe, dann mögen sich doch andere anderswo beteiligen.

Das haben wir uns nicht zweimal anhören wollen, haben unseren frisch gekämmten Wienbezug auf den Schoß genommen und sind ins Ausland gefahren, um diese anderen anderswo aufzustöbern. Und siehe da, ein wenig weiter weg von Wien arbeiten Menschen in der Filmförderung, die sich für spannende Kinoprojekte tatsächlich interessieren. Dort gibt es Budgets, beträchtlich größer als bei uns, die sich niemand hinterrücks und ohne Not schmälern läßt.

So hat Ungarn diesen Sommer beschlossen, innerhalb der nächsten 6 Jahre 231 Mio. Euro in die Filmindustrie zu stecken. Diese Nachricht verursachte angeblich sogar im heimischen Kunstministerium kurz einmal Nervosität, weil man dachte, die Ungarn hätten das Geld von der EU irgendwo bekommen und Österreich nicht. In Wirklichkeit regiert in Ungarn eine Minderheitsregierung, der gar nicht immer alles leicht gelingt, die aber doch offenbar einiges zustande bringt, und das Geld stammt natürlich aus Ungarn und nicht von der EU. Man hat einfach erkannt, daß Geld in diesem Bereich sehr gut investiert ist. Dazu braucht man nicht extrem hohe Fachkompetenz, aber ein bißchen was muß doch vorhanden sein. Das bedeutet, daß es in Ungarn 2008 für Filmherstellung rund 25 Mio. Euro gibt (daneben natürlich extra Geld für Drehbuchentwicklung, Kinos, Festivals etc...), die nächsten 5 Jahre steigt der Betrag noch jeweils etwas. In Österreich hat das Filminstitut jetzt zwar eine kleine Wahlspritze (nicht ganz das Durchschnittsbudget für einen österr. Spielfilm) bekommen. Allein was 2009 sein wird, und das ist nicht mehr weit weg, kann keiner so genau sagen, weil das Bundesbudget für 2009 erst beschlossen werden muß von einem Nationalrat ungewisser Inhaltsstoffe.

Die Stadt Wien hat im Sommer ihrem Filmfonds etwas mehr Geld in Aussicht gestellt, "um dem Befürchteten Stillstand auf Bundesebene im nächsten halben Jahr entgegenzuwirken", wie der Kulturstadtrat bekanntgab. Dazu muß man allerdings wissen, daß der neue Segen erst 2009 und im vollem Umfang 2010 zu wirken beginnen soll. Wer also aktuell an einem Projekt arbeitet, das stillsteht, wird von der Entgegenwirkung wenig profitieren können. Darüber hinaus ließe sich die Maßnahme kaum bescheidener gestalten, entspricht der Realwert der Filmfonds-Dotierung für 2010 insgesamt gerade einmal dem, was die Stadt bereits im Jahr 2000 zustande brachte, wenn man Kollektivvertragserhöhungen und Inflation in Rechnung stellt. Dabei darf man aber die 5,7 Mio. Euro nicht berücksichtigen, die die Stadt Wien dem Filmfonds 2006 weniger überwiesen hat, als sie eigentlich vorhatte. Wer also statt einer Entgegenwirkung oder gar Verbesserung ein leichtes Abbremsen der Verschlechterung erwartet, ist auf der sicheren Seite.

Wenn Burkhard Ernst von der Wirtschaftskammer Wien meint, "die Detailanalyse zeigt, daß Fernsehfilme bisher mit 1,2 Mio. Euro pro Jahr gefördert wurden, für 2009 ist aber nur eine Mio. Euro vorgesehen", kann man das alles sicher auch als immense Bestätigung und Wertschätzung der Arbeit der Filmfonds-Geschäftsführung verstehen, wenn man unbedingt will. Und wenn manche sagen, es sei gar kein Leichtes, bis eine Filmfonds-Jahresbilanz erstellt und der Stand der Finanzgebahrung ermittelt werden könne, muß man auf eine gute Partnerschaft bauen (wenn der eine gerade nicht kann, springt der andere ein) und kann beruhigt annehmen, daß der Stadtrat zur Klärung bestimmt schon längst beim Kuratorium des Fonds oder vielleicht auch bei einer Wirtschaftsprüfer-Kanzlei nachfragen hat lassen. Gerade in Vorwahlzeiten sicher keine willkommene Abwechslung für ihn, doch wenn es schneller geht, warum nicht.

Gratulálunk! Ez nagyon szép eredmény. Csak így tovább!
Wir beglückwünschen Sie. Das ist ein sehr schönes Resultat. Machen Sie nur weiter so! [mp3]

Szívem, melyik kalapot vegyem fel? A sárgát, a zöldet, vagy a kéket?
Liebling, welchen Hut soll ich aufsetzen? Den gelben, den grünen oder den blauen? [mp3]

Baleset történt ma délután fél négykor Budapesten, a Rákóczi úton.
Heute Nachmittag um halb vier ist in Budapest auf der Rakoczi Straße ein Unfall passiert. [mp3]

Sicher, Ungarisch ist eine schwere Sprache, nur wenn man sich die Sätze erst einmal gemerkt hat, hat man sein ganzes Leben etwas davon!

Und wie schön das sein kann, beweist die gute Nachricht zum Schluß: anläßlich des heurigen Welttollwuttages am 28.September wurde verlautet: Österreich ist tollwutfrei!

Sie können also nach der Wahl oder stattdessen, ganz nach Vorliebe, sorglos in den Wald gehen und Füchse streicheln. Vor Wahlbeobachtern der OSZE brauchen Sie sich nicht zu fürchten, die können sich einen Österreichurlaub heuer nicht leisten und schauen sich die Wahl nur aus der Ferne an.

Wir beglückwünschen Sie. Das ist ein sehr schönes Resultat. Machen Sie nur weiter so! Gratulálunk! Ez nagyon szép eredmény. Csak így tovább!

(Martin Puntigam/Leopold Lummerstorfer, 25.09.2008)

Lesen Sie demnächst: "Fliege, wenn ich Dich kriege, reiß ich Dir eins, zwei, drei, vier Haxn aus"

 

PS: Für interessierte (Auslands)Inländerinnen und Inländer ein paar nützliche Tipps zur Nationalratswahl:

 

Die "Initiative Film" hat wieder einmal Parteien abgefragt, was sie denn für Film und seine Wirtschaft zu tun gedächten, gesetzt den Fall, sie hätten es nach der Regierungsbildung in der Hand:
Einfach das Reader's Digest über diesen Weg für genaues und profundes Quellenstudium aufsuchen.

 

(Obacht: SPÖ und ÖVP hatten Film auch in der letzten Koalitionsvereinbarung erwähnt, die FPÖ hat im Wiener Gemeinderat im letzten Jahr regelmäßig gegen Film-Mittelerhöhungen gestimmt.)

  • Szociális. Határozott. Megbízható.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
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