Ab heute arbeiten Frauen gratis!

24. September 2008, 17:58
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"Equal Pay Day": Um 26,5 Prozent verdienen Frauen weniger als Männer - Organisationen fordern mehr staatliche Kontrolle und Transparenz bei den Einkommen

In Österreich fällt der diesjährige Equal Pay Day, also der Tag, an dem Frauen gemessen an ihrer Einkommenssituation gegenüber Männern bis Jahresende gratis arbeiten, auf den 25. September. "Peripherie", das Institut für praxisorientierte Genderforschung in Graz, hat darauf hingewiesen, dass der arbeitszeitbereinigte Einkommensunterschied zwischen den Geschlechtern in Österreich derzeit bei 26,5 Prozent liegt. Berechnet in Tagen ergibt sich der 25. September als "Equal Pay Day" für 2008.

Unterschiedliche Zahlen

Über den tatsächlichen "Gender Pay Gap" in Österreich kursieren unterschiedliche Zahlen. Das liegt daran, dass die unterschiedlichen Berechnungsmethoden oftmals nicht eindeutig ausgewiesen sind. Tatsächlich macht es einen großen Unterschied, ob die Bruttolöhne oder die Stundenlöhne von Männern und Frauen verglichen werden, ebenso, in welcher Weise die unterschiedlichen Arbeitszeiten (Stichwort Teilzeit!) berücksichtigt werden.  Bei dem von Peripherie publizierten Prozentsatz handelt es sich um die Zahlen der Österreichischen Lohnsteuerstatistik von 2006. Nur von diesem Jahr sind die Zahlen derzeit vollständig ausgewiesen, außerdem lässt sich aus dieser Statistik der arbeitszeitbereinigte Lohnunterschied eindeutig ablesen. "In den 26,5 Prozent sind nur die Löhne von ganzjährig Vollzeitbeschäftigten enthalten", so Peripherie-Mitarbeiterin Ulla Sladek auf Anfrage von dieStandard.at. Im Zentrum der Analyse steht also einzig die Einkommenssituation der Geschlechter, unbeachtet bleiben Berufswahl, Berufsunterbrechungen durch Kinderbetreuung und verminderte Karrierechancen von Frauen.

Seit mehreren Jahren weist das Institut auf die ungerechte Einkommensverteilung in Österreich hin. Mit der Information, dass Frauen hierzulande statistisch gesehen mehr als drei Monate gratis arbeiten, will man die Öffentlichkeit aufrütteln. Ein Vergleich der letzten Jahre macht deutlich, dass sich die Schere statt zu schließen immer weiter öffnet. Denn 2001 wurde der Equal Pay Day noch vergleichsweise spät, am 9. Oktober, begangen. Für diesen Equal Pay Day organisiert Peripherie einen ganztägigen Informationsstand am Grazer Tummelplatz zu Equal Pay.

Keine Aktionen in Wien

In Wien gibt es heuer, im Gegensatz zu den vergangenen Jahren, keine spezifischen Veranstaltungen. Die ÖGB-Frauen planten zwar einen bundesweiten Equal Pay Day, wie er seit 2008 in Deutschland begangen wird, nun kamen allerdings die vorgezogenen Neuwahlen dazwischen und damit die Furcht, nicht genug mediale Aufmerksamkeit für die Aktion zu bekommen. "Aber natürlich freuen wir uns nicht über die Situation, die Schere geht ja leider immer weiter auf", so Sylvia Ledwinka, Leiterin der ÖGB-Frauenabteilung, gegenüber dieStandard.at. "Fast fertig" sei demnach auch eine Vereinbarung der Sozialpartner, um die Lohndiskriminierung nun auch auf Ebene von Gewerkschaft und WirtschaftsvertreterInnen geeint bekämpfen zu können. Bei einer Fachtagung Mitte Oktober sollen die Ergebnisse präsentiert werden. 

Maßnahmen gegen Lohnunterschiede

Was also tun gegen diese Ungerechtigkeit, die so selbstverständlich und fundamental erscheint, dass sich kaum jemand dagegen auflehnt? Für Peripherie steht der Ausbau an Kinderbetreuungsplätzen an erster Stelle der notwendigen Maßnahmen. Die Politik müsse Frauen den Weg in männlich dominierte Branchen und Berufe erleichtern, die Wirtschaft Einkommen und Zulagesysteme in Unternehmen transparent gestalten. Für wesentlich halten sie auch Quotenregelungen sowie die Veränderung von Arbeitsbewertungsverfahren, die so genannte "weibliche Tätigkeiten" zumeist geringer bewerten. "Letztendlich sind es auch traditionelle Geschlechterrollen und -stereotype, die die Lebensgestaltungsmöglichkeiten von Frauen wie Männern einschränken", betont das Institut.

Sichtbarmachen und Transparenz

Wichtig ist aber auch weiter die Sichtbarmachung des Problems. "Viele Frauen wissen gar nicht, dass sie weniger verdienen als ihr Kollege. Wenn sie aber hören, dass die Einkommensunterschiede drei Monate Vollzeiterwerbstätigkeit füllen können, fragen sie sich vielleicht, ob sie auch betroffen sind", so Ledwinka. Zu wenig Information aber auch Transparenz bei den Einkommen sieht deshalb auch der ÖGB als großes Problem an. Um die Unternehmen zu mehr Transparenz zu bewegen sei der Gesetzgeber gefragt, so die Frauengewerkschafterin. "Es spricht nichts dagegen, dass Unternehmen Berichte über ihre Lohnverteilung abgeben müssen und dann mit den zuständigen Stellen an Verbesserungen in ihren Betrieben arbeiten." Zielführend wäre auch ein Einkommensrechner, der Erwerbstätigen ermöglicht, ihr Einkommen mit BranchenkollegInnen zu vergleichen. Ein virtuelles Modell in der Schweiz sei bereits realisiert worden und hätte Wirkung gezeigt.

Das Ziel, den Equal Pay Day einmal am 31. Dezember begehen zu können, liegt in Österreich noch in weiter Ferne. In Deutschland, wo das Verfahren wie in den USA die längere Arbeitszeit für gleichen Lohn für Frauen markiert, wurde der Equal Pay Day erstmals bundesweit am 15. April begangen. Auch dort sind die Leistungen von Frauen in der Erwerbsarbeit skandalös weniger wert. (freu, dieStandard.at, 24.9.2008)

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    grafik peripherie
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