Das Finanzkapital und seine Luft­schlös­ser - eingestürzt und "ausgebubbelt"

22. September 2008, 18:48
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Wenn die Banken krachen, haben die Bankrott-Erklärungen Konjunktur: Diese hier erzählt vom lange vorhersehbaren Ende eines "Pyramiden­spiels" - Kommentar der anderen von Stephan Schulmeister

Die großen Krisen in der finanzkapitalistischen Entwicklung seit den 1970er- Jahren traten an der Peripherie auf und konnten vom (Finanz-)Zentrum als "Betriebsunfälle" behandelt werden. Beispiele sind die Schuldenkrise in Lateinamerika 1982 oder in Ostasien, Russland und dann nochmals in Brasilien und Argentinien Ende der 1990er- Jahre. Nach kurzer Irritation setzten die "Magier des Finanzkapitals" ihr Kunststück fort: Geld arbeiten lassen.

Diesmal wird es keine Rückkehr zum "business as usual" geben:

Die Finanzkrise ist im Zentrum ausgebrochen, die finanzstarke Peripherie ist nicht bereit, einzuspringen; China, Korea oder die Ölexporteure des Mittleren Ostens schwimmen zwar in Dollars, wollen diese aber nicht für Beteiligung an maroden Banken/Versicherungen der USA ver(sch)wenden.

  • Der Widerspruch zwischen den Verheißungen der neoliberalen Wirtschaftstheorie - "freier (Finanz)Markt für freies (Finanz)Kapital" - und der Realität manisch-depressiver Märkte samt enormer Vermögensvernichtung kann auch durch den festesten Glauben an die "unsichtbaren Hand" nicht mehr übertüncht werden.
  • Dieser Widerspruch wird durch das Zusammentreffen folgender Entwicklungen zum Skandal: Privatisierung der Spekulationsgewinne während diverser "bubbles", Sozialisierung der notwendig nachfolgenden Verluste und massive Kürzungen der Betriebs- und Privatpensionen.

In Europa werden die Wellen des "Finanz-Tsunami" stärker sein und weiter reichen als in den USA:

  • In der EU sind die (politischen) Eliten mit größerer Inbrunst zum Glauben an die "unsichtbare Hand" konvertiert als in den USA. Dort betet man diese zwar in Sonntagsreden an, unter der Woche aber greift man nach Belieben in die Märkte ein (Leerverkäufe verbieten, verstaatlichen, Budgetfinanzierung durch die Notenbank!).
  • Daher versuchen Notenbank und Regierung der USA mit allen Mitteln einer expansiven Politik, eine Rezession zu vermeiden. In der EU erklären die Finanzminister, es gäbe keinen Handlungsbedarf, die EZB hatte zum "Drüberstreuen" die Zinsen sogar erhöht. Diese marktgläubige Einfalt wird die Wirtschaft in der EU in eine Rezession samt anschließender Stagnation befördern.
  • Da die teilweise Umstellung der Pensionssysteme auf die (Finanz)Kapitaldeckung in Europa erst in den späten 1990er-Jahren begonnen wurde, werden die Kürzungen der Betriebs- und Privatpensionen höher ausfallen als in den USA (Beispiel: Deutsche Aktien erzielten in den letzten 10 Jahren - gemessen am DAX - eine Rendite von 0%, im sozialstaatlichen Umlageverfahren steigen die Pensionen hingegen mit dem BIP, sofern sie nicht zur Förderung der kapital-"gedeckten" Verfahren gekürzt werden). Die (künftigen) Pensionisten wird dies nachhaltig verbittern und die neoliberale Losung "Lassen Sie Ihr Geld arbeiten" als lächerlich erscheinen lassen. Menschen mit funktionierendem Verstand wird es (post festum) nahezu grotesk erscheinen, dass die Politik just die Altersvorsorge den Aktienmärkte überantwortet hat.

Die Monate seit Ausbruch der Finanzkrise und ihre Kulminierung in den letzten Tagen leiten eine historische Wende ein: Mit dem Bankrott der "Geldvermehrer" wird der Bankrott eines ganzen Systems offenkundig, das die vergangenen drei Jahrzehnte prägte - der Finanzkapitalismus. Alle seine verschiedenen Komponenten - neoliberale Wirtschaftstheorie, Vorrang für den Geldwert, Liberalisierung der Finanzmärkte, Regulierung der Wirtschaftspolitik, Teilprivatisierung der Sozialversicherung, insbesondere des Pensionssystems - basieren auf der großen Illusion, dass Geld arbeitet.

Wie kam es zu der großen Illusion? Vereinfacht dargestellt in folgenden Etappen:

  • Mit der Aufgabe fester Wechselkurse (1973), den nachfolgenden Ölpreisbooms und den exorbitant gestiegenen Zinsen (1981) entwickelten sich enorme Spekulationsmöglichkeiten, die schrittweise von den "Profis" gelernt wurden.
  • In den 80er-Jahren wurden dementsprechend immer mehr Instrumente geschaffen, die Spekulieren erleichterten (Finanzderivate).
  • Der 1982 einsetzende Aktienboom förderte die Spekulationsfreude, zumal die Umstellung der Pensionssysteme in den USA dem Boom einen "langen Atem" gab (er dauerte fast 19 Jahre!).
  • Die wichtigsten Preise wie Wechselkurse, Rohstoffpreise und Aktienkurse wurden destabilisiert, (Industrie-)Unternehmen verlagerten ihr Gewinnstreben von Real- zu Finanzinvestitionen.
  • Dadurch musste das Wirtschaftswachstum nachhaltig sinken, Arbeitslosigkeit und Staatsverschuldung nahmen zu, die Sparpolitik dämpfte das Wachstum weiter, und reduzierte insbesondere die Pensionsleistungen des Sozialstaats. Für die Förderung der kapital-"gedeckten" war hingegen genug Steuergeld vorhanden.
  • Also wollten auch die "Normalbürger" ihr Geld arbeiten lassen, insbesondere zur Altersvorsorge. Auch haben die enormen Gewinne und Managergehälter im Finanzsektor weniger Empörung als (klammheimlichen) Neid produziert, und die Banken zeigten ihren Kunden, wie das Geld auch für die "kleinen Leute" arbeiten kann.
  • In den 1990er-Jahren ist daher die Renditeansprüchlichkeit enorm gestiegen: Die Realwirtschaft wuchs in Europa kaum noch, aber das Finanzkapital sollte zumindest 10 Prozent abwerfen.

Und lange Zeit schien es als könne das Geld wirklich arbeiten: So waren auf den Aktienmärkten der 1990er-Jahre Durchschnittsrenditen von 15 Pozent zu holen; immer mehr Unternehmen, Pensionsfonds, Hedgefonds und Private ließen ihr Geld am Aktienmarkt arbeiten, die Kurse stiegen enorm. Die Diskrepanz zwischen Börsenwert und tatsächlichem Wert der Unternehmen vergrößerte sich stetig, das (Pyramiden-)Spiel "Der Unternehmen neue Kleider" musste enden, und zwar wie immer abrupt (Aktiencrash 2000/2003).

Zwischen 2003 und 2007 gelang noch ein Aktienbubble, in Europa durch die weitere Verunsicherung über unsere Systeme der sozialen Sicherheit gefördert (Expansion der Pensionsfonds). In den USA begann der Immobilienbubble eine viel größere Rolle zu spielen, Geld arbeitete nun in Form einer Höherbewertung von Häusern. Die "Geldvermehrer" nützten dies zur Schaffung neuen Finanzkapitals in Form von Krediten an nahezu Mittellose: die steigenden Häuserpreise würden die Rückzahlung schon übernehmen. Als diese sich verweigerten und fielen, wurden die zu "Wert"-papieren gebündelten Kredite wertlos (Sommer 2007).

Daraufhin stürzten sich die "Geldvermehrer" auf Rohstoffderivate, der letzte große "bubble" setzte ein, die Preise von Rohöl, Weizen, Mais, Reis und sonstigen Rohstoffen explodierten, zwar nahm der Hunger zu, aber das Geld arbeitete wenigstens noch einmal kräftig. Mit dem Verfall der Rohstoffpreise seit Mitte 2008 hat es sich "ausgebubbelt". Hauptgrund: In der Frühphase von "bubbles" steigen die Profis ein, je länger er dauert, desto mehr steigen wieder aus. Aufrechterhalten wird die Höherbewertung von Aktien oder Rohstoffen durch den Zufluss von "frischem Blut", also dem - verspäteten - Einstieg der Amateure (so haben Austro-Banken noch im Frühjahr für Rohstofffonds geworben ...). Versiegt der Zustrom der Amateurgelder, dann kippt der "bubble" bald (jener der Rohstoffe Mitte 2008).

"Bubbles" sind somit die eine Arbeitsweise von Geld, je länger sie dauern, desto mehr werden sie zu einer Kombination eines "Pyramidenspiels" mit dem Spiel "Des Kaisers neue Kleider". Platzen sie, wird die Überbewertung korrigiert: Die Vermögenswerte sind wieder so niedrig wie zuvor, die Einkommensverteilung aber hat sich zugunsten der Profis verschoben.

Die zweite Arbeitsweise von Geld besteht im kurzfristigen "trading", vorzugsweise mit Finanzderivaten aller Art. Alle diese Spiele sind Umverteilungsspiele (die Summe der Gewinne ist gleich der Summe aller Verluste). Als Gruppe sind die Amateure die Verlierer (weltweit gibt es Millionen Spekulationsadepten), gleichzeitig sind ihre Einsätze Vorraussetzung dafür, dass diese Spiele expandieren können ("frisches Blut").

Weltweit ziehen sich derzeit die Amateure von den "Finanzspielen" zurück, auch an eine Ausweitung der kapital-"gedeckten" Altersvorsorge ist nicht zu denken. Der Mangel an "frischem Blut" führt zum Kollaps des Systems des "arbeitenden Gelds":

  • Der Umverteilungs- (und Überlebens-)kampf findet verstärkt zwischen den großen "Profis" statt, also Banken, Versicherungen und (demnächst) Hedgefonds.
  • "Frisches Blut" kann nur mehr aus dem nichts geschaffen werden, also durch die Notenbanken.
  • Es wird für lange Zeit keine Bubbles mehr geben, eher weiter sinkende Vermögens- und Rohstoffpreise (wie in den 1930er-Jahren).

Fazit: Das Geld verweigert die Arbeit, der Finanzkapitalismus ist am Ende. Langsam dämmert die Einsicht in den Schulmeisterschen Fundamentalsatz; dieser bildet die Grundlage jeglichen Verständnisses ökonomischer Zusammenhänge, ist aber zu einfach, um von wirtschaftswissenschaftlichen Geistesgrößen begriffen zu werden. Der Fundamentalsatz lautet: "Aus nix wird nix".

Die Vernachlässigung des ANWN-Gesetzes und ihre verheerenden Folgen für die Entwicklung der letzten 30 Jahre lässt sich am Beispiel der erwarteten Aktienrendite und der dadurch motivierten (Teil-)Umstellung von der sozialstaatlichen zur kapital-"gedeckten" Altersvorsorge verdeutlichen: Ökonomen beobachten, dass über 100 Jahre die Aktienrenditen im Schnitt merklich höher sind als die Wachstumsrate des BIP. Dies ist möglich, wenn Aktienbesitz hoch konzentriert ist und die Rentiers ihr Aktienvermögen nach Dagobert-Duck-Manier akkumulieren.

Unter Vernachlässigung des ANWN-Gesetzes haben Wirtschaftsexperten erwartet, dass diese Aktienrenditen auch dann so zauberhaft hoch blieben, wenn die Aktien von Pensionisten als "Bezugsscheine" auf das BIP dermaleinst eingelöst werden. Im Glauben, dass das Geld fleißig arbeitet, hat man folgendes übersehen: Ein System, in dem Bezugsscheine auf einen Kuchen ausgegeben werden, deren Wert langfristig stärker wächst als der Kuchen, ist eine Fehlkonstruktion (Widerspruch zum ANWN-Gesetz).

Dürfen wir am Ende der finanzkapitalistischen Illusionen auf nüchterne Einsichten und eine rasche Verwirklichung besserer ("realkapitalistischer") Rahmenbedingungen für eine Marktwirtschaft rechnen? Kaum. Denn für den Übergang von dem "Nicht-mehr-Funktionieren" eines alten Systems und der Schaffung eines neuen gilt: Gewohnte Weltanschauungen müssen abgelegt, kognitive Dissonanzen ertragen und konkretes Denken muss wieder gelernt werden. Das wird Jahre dauern. Tröstlich aber ist: So schwierig wie der letzte Übergang von finanz- zu realkapitalistischen Rahmenbedingungen - zwischen 1933 und '48 - wird's diesmal nicht werden. (Stephan Schulmeister, DER STANDARD, Printausgabe, 23.9.2008)

 

  • Stephan Schulmeister ist Wirtschaftsforscher in Wien
    bild: standard/hendrich

    Stephan Schulmeister ist Wirtschaftsforscher in Wien

  • Ein System nimmt Gestalt an: "Bobby Bubble", Held einer Kinderbuchserie aus den 
1920er-Jahren, grafisch animiert von Patrick Beaulieu.
    bild: standard

    Ein System nimmt Gestalt an: "Bobby Bubble", Held einer Kinderbuchserie aus den 1920er-Jahren, grafisch animiert von Patrick Beaulieu.

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