Das mediale Ungleichgewicht

22. September 2008, 18:34
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ORF und Boulevard dominieren, aber Privat-TV macht diesen Wahlkampf spannender

Es war ein jämmerliches Schauspiel, das die Vertreter der bisher nicht im Parlament vertretenen Parteien am Sonntagabend in der ORF-Sendung "Im Zentrum" boten. Sie schrien durcheinander und gingen nicht auf Fragen oder ihre Vorredner ein. Christen-Vertreter Alfons Adam verstieg sich sogar zu der Aussage, dass Kinderkrippen eine "Art von Kindesmisshandlung" seien. Wilfried Auerbach von "Rettet Österreich" gefiel sich in der Rolle des enervierenden Zwischenrufers.

Mit Ausnahme von Heide Schmidt vom Liberalen Forum hatte keiner die Chance genutzt, sich und seine Partei als seriöse Wählergruppierung zu präsentieren. Das ist aus demokratiepolitischen Gründen bedauerlich. Denn dass erstmals zehn Parteien bundesweit antreten, macht diesen Wahlkampf spannend.

Wer ins Parlament will, muss auch Fragen zu aktuellen Themen wie der US-Finanzkrise oder der Grundsicherung beantworten können. Dass sie diese mediale Möglichkeit zur Wahlwerbung nicht aufgegriffen haben, ist auch deshalb schade, weil es die einzige Chance für diese Kleinparteien war, sich im ORF zu Wort zu melden. Denn die Konfrontationen sind den Vertretern der bereits im Parlament vertretenen Parteien vorbehalten. Dadurch herrscht ein mediales Ungleichgewicht, das insbesondere Jörg Haider als TV-Profi für sich zu nutzen weiß.

Das BZÖ bekommt im Vergleich zu den anderen Kleinparteien überproportional hohe TV-Präsenz. Haider versteht die Spannung auch noch zu erhöhen, indem er seit Tagen um die Zustimmung zum Mehrwertsteuer-Paket der SPÖ pokert.

Wenn die Orangen den Sprung in den Nationalrat schaffen, so haben sie das nicht zuletzt dem ORF zu verdanken. Denn auf die Kronen Zeitung kann Haider nicht mehr zählen, seit das Kleinformat zur Speerspitze des Werner-Faymann-Unterstützungskomitees geworden ist.

Dass Faymann aber die Einladungen der Privat-TV-Sender Puls 4 und ATV zur Konfrontation nicht annimmt, ist nach dem Kotau vor der Krone in Sachen EU demokratiepolitisch bedenklich. Dass er das Wohlwollen der beiden Boulevardzeitungen Krone und Österreich genießt - und offensichtlich auch des ORF -, scheint ihm zu genügen. Warum verweigert sich Faymann der Diskussion im Privatfernsehen?

Eines haben die beiden Privatsender gezeigt: Es geht auch anders - zumindest in anderer Form, als man es in Österreich vom ORF kennt. Ihre Elefantenrunden waren durch die Publikumsfragen unberechenbarer, haben das bekannte Schema durchbrochen. Auch die Moderatoren überraschten mit ungewöhnlichen Fragen, wenn auch der Wechsel von Josef Broukal zum Puls-4-Moderator und zurück zum Politiker (der am Mittwoch im Parlament mitabstimmt) höchst merkwürdig ist.

In Deutschland hat sich gezeigt: Inzwischen haben die Privatsender bei der Berichterstattung rund um die Wahlen den öffentlich-rechtlichen Anstalten den Rang abgelaufen. In Österreich ist der Abstand bei den Zuschauern zwischen ORF und der privaten Konkurrenz noch sehr groß, aber auch das kann sich ändern.

Faymanns Parteifreund Gerhard Schröder hat die Devise ausgegeben: Bild, BamS (Bild am Sonntag) und Glotze. Das ist dem deutschen Bundeskanzler zum Verhängnis geworden, als ihm die Boulevardzeitungen die Unterstützung entzogen, als er sich an die Reformagenda machte. Sollte Faymann Kanzler werden: Die spannende Frage wird dann sein, wie sich die Kronen Zeitung verhalten wird, wenn ihre Klientel von einer Kürzungspolitik ihres Kandidaten betroffen sein sollte. (Alexandra Föderl-Schmid/DER STANDARD Printausgabe, 23. September 2008)

 

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