9/15 - Politische Anatomie eines globalen Crashs

21. September 2008, 17:53
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Trotz Rettungsaktion der US-Regierung: Die Krise der Banken dauert an. Gängiger Befund: Die "Gier" der Spekulanten ist schuld - Kommentar der anderen von Barry Eichengreen

Trotz Rettungsaktion der US-Regierung: Die Krise der Banken dauert an. Gängiger Befund: Die "Gier" der Spekulanten ist schuld. - Hier ein Gegenplädoyer für seriöse Ursachenforschung statt Individualpsychologie.

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Um aus dem gegenwärtigen Finanzchaos - mit seinem absoluten Höhe- bzw. Tiefpunkt in den Morgenstunden des 15. September - herauszukommen, müssen wir zunächst einmal verstehen, warum wir da überhaupt hineingeraten sind. Leute wie John McCain sehen die Ursache primär in der Gier und Korruption an der Wall Street. Ich will derlei Motive nicht prinzipiell in Abrede stellen, glaube aber, dass die eigentlichen Wurzeln der Krise in grundlegenden politischen Entscheidungen der letzten Jahrzehnte begründet liegen.

In den Vereinigten Staaten gab es zwei solcher Grundsatzentscheidungen. Durch die erste in den 1970er-Jahren wurden die Provisionen der Börsenmakler dereguliert, mit der zweiten in den 1990er-Jahren die Bestimmungen des Glass-Steagall-Gesetzes außer Kraft gesetzt, die eine Vermischung des Einlagengeschäfts der Banken mit Investmentbankgeschäften untersagten.

In Zeiten fixer Provisionen konnten die Investmentbanken mit dem Aktienhandel komfortable Gewinne erzielen. Die Deregulierung führte zunächst, bedingt durch den Wettbewerb, zu einer Reduzierung der Margen. Die Eliminierung des Glass-Steagall-Gesetzes ermöglichte dann den Kreditinstituten, in andere traditionelle Geschäftsbereiche der Investmentbanken einzudringen.

Und als Reaktion auf diese Entwicklung etablierten die Investmentbanken ihrerseits neue Geschäftsfelder wie Schaffung und Weiterverkauf komplexer derivativer Wertpapiere. Um die Erträge zu steigern, borgte man Geld und ließ es arbeiten. Damit waren die ersten Ursachen der Krise in die Welt gesetzt: das sogenannte "Originate and distribute" -Modell der Verbriefung und die extensive Nutzung der Fremdfinanzierung.

Man muss jedoch darauf hinweisen, dass es sich dabei um unbeabsichtigte Folgen prinzipiell vernünftiger strategischer Entscheidungen handelte. Unter sonst gleichen Bedingungen ermöglichte die Provisionsderegulierung kleinen Anlegern, Aktien billiger zu handeln, wodurch sich für sie ein Vorteil ergab. Aber die anderen Bedingungen waren eben nicht gleich. Vor allem der Umstand, dass sich die Investmentbanken, die durch diese Veränderungen in immer riskantere Geschäfte getrieben wurden, gänzlich außerhalb des regulativen Netzes befanden, erwies sich als Wegbereiter der Krise.

Auch die Abschaffung des Glass-Steagall-Gesetzes war grundsätzlich vernünftig. Konglomerate erlauben es Finanzinstitutionen, ihre Aktivitäten zu diversifizieren, und durch den Zusammenschluss mit Kreditinstituten können Investmentbanken ihre Geschäfte auf Basis relativ stabiler Einlagen finanzieren und sind nicht auf unbeständige Geldmärkte angewiesen. Dieses Modell hat sich in Europa über Jahrhunderte als durchaus brauchbar erwiesen, und seine Vorteile liegen selbst heute, nach dem Verkauf von Merrill Lynch an die Bank of America, auf der Hand.
Aber die Konglomerisierung braucht Zeit. Kurzfristig war es Merrill Lynch und anderen Investmentbanken möglich, ihre Einsätze zu verdoppeln. Alles blieb komplett außerhalb des Regulierungsbereichs. Als autonome Einheit war die Bank dann anfällig für Schwankungen auf den Märkten. Es bedurfte einer Krise, die das gesamte Finanzsystem bedroht, um die unausweichliche Konglomerisierung zu Fall zu bringen.

Die andere Komponente der Krise besteht in einer Reihe von politischen Strategien, die zu globalen Ungleichgewichten führten. Die Regierung Bush senkte die Steuern. Die US-Notenbank senkte die Zinssätze als Reaktion auf die Rezession von 2001. Unterdessen bewirkten Finanzinnovationen, dass Kredite immer billiger und leichter verfügbar wurden. Das ist natürlich genau die Geschichte der Subprime-Hypotheken aus einer anderen Perspektive betrachtet. Herausgekommen sind höhere Staatsausgaben der USA und das Abgleiten der Ersparnisse privater Haushalte in negative Bereiche.

Über die Verhältnisse gelebt

Gleichermaßen bedeutsam waren der Aufstieg Chinas und der Verfall der Investitionen in Asien nach der Finanzkrise der Jahre 1997 und 1998. Nachdem China beinahe 50 Prozent seines Bruttosozialprodukts anlegt, musste dieses Geld irgendwo hinfließen. Ein großer Teil floss in US-Staatsanleihen und in Schuldverschreibungen von Fannie Mae und Freddie Mac. Das stützte den Dollar, senkte die Kreditkosten für die US-Haushalte und ermunterte diese, über ihre Verhältnisse zu leben. Außerdem wurde damit ein lukrativer Markt für die Wertpapiere von Freddie und Fannie geschaffen, wodurch wiederum die "Originate and distribute" -Maschinerie angeheizt wurde.

Noch einmal: Diese Strategien waren nicht durch und durch falsch. Eine Milliarde Chinesen aus der Armut befreit zu haben ist wohl eine der wichtigsten Errungenschaften unserer Tage. Die rasche Reaktion der Fed verhinderte eine Verschärfung der Rezession von 2001. Aber es kam eben auch zu unbeabsichtigten Folgen. Die US-Regulierungsbehörden schafften es nicht, die Kapital- und Kreditstandards zu verschärfen, als ein üppiger Kapitalzufluss in Kombination mit einer laxen Politik der Fed einen stürmischen Kreditboom auslöste. Zusätzlich Öl ins Feuer goss der Fehlschlag Chinas, seine Staatsausgaben entsprechend seiner gestiegenen Einnahmen zu erhöhen.

Jetzt ist ein aufgeblähter Finanzsektor zur Schrumpfung gezwungen. Zentralbanken außerhalb Amerikas erleiden Kapitalverluste aufgrund ihrer unüberlegten Investitionen. Während sie mit der Verdauung dieser Verluste aus dem US-Wertpapiergeschäft beschäftigt sind, werden die Kapitalflüsse in die USA nachlassen. Das Leistungsbilanzdefizit der USA und der Überschuss in Asien werden zurückgehen. Die amerikanischen Haushalte werden wieder sparen müssen.
Die einzige Anomalie ist der in den letzten Wochen gestiegene Wert des Dollars. Dies spiegelt die reflexartige Reaktion der Investoren wider, die sich auf US-Staatsanleihen als sicheren Hafen stürzten. Jetzt aber, da den Anlegern die Finanzprobleme der USA bewusst werden, wird es auch mit dem Dollar wieder abwärtsgehen.

Fazit: Die Betonung von Gier und Korruption als Gründe für die Krise lässt für die Zukunft schwarzsehen. Wir werden nämlich die menschliche Natur nicht ändern. Wir können die Investoren nicht weniger gierig machen.
Konzentriert man sich dagegen auf die strategischen Gründe, ergibt sich schon ein etwas optimistischeres Bild: Politische Fehler sind vielleicht nicht immer vermeidbar, aber sie können zumindest korrigiert werden... (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22.9.2008)

Zur Person

 

Barry Eichengreen ist Professor für Ökonomie an der University of California in Berkeley.
© Project Syndicate, 2008 Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier.

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