Rundschau: Flutwarnung!

    12. Oktober 2008, 17:18
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    "Die Götter von Amyrantha", "Herbst. Beginn", "Lichtspur", "Nachtläufer", "EarthCore", "Besessen" sowie Bücher von Jeff VanderMeer, Charles Sheffield, Gisbert Haefs und George R. R. Martin

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    coverfoto: otherworld

    David Moody: "Herbst. Beginn"

    Broschiert, 291 Seiten, € 10,30, Otherworld 2007.

    2001 geschrieben - nahezu zeitgleich arbeitete Danny Boyle an seinem Film "28 Days Later" - stand "Autumn" am Beginn des Neo-Zombie-Booms: Erst als Gratis-Download erhältlich, später wegen des überraschenden Erfolgs auch in Buchform erschienen. Drei weitere Romane sind seitdem herausgegeben worden, ein vierter soll demnächst folgen und Teil 1 wurde gerade eben verfilmt. Der Brite David Moody hat offensichtlich eine Erfolgsgeschichte gelandet - und "Herbst. Beginn" zeigt auch, warum.

    Um einen interessanten Genre-Roman zu schreiben, braucht man entweder eine originelle Grundidee oder bringt eine überzeugende Umsetzung einer schon bekannten zustande. Auch bei Moody wandeln also die Toten, doch - erste Überraschung - sie wandeln davon. Jedenfalls werden die wenigen Überlebenden eines Virus, das blitzartig über den Globus gezogen ist, nicht augenblicklich angefallen, nachdem sich ein Teil der Leichen, die die Straßen bedecken, wieder erhebt und ziellos durch die Gegend wankt. Ohne Beißattacken. 95 Prozent der Bevölkerung sollen tot sein - vielleicht auch mehr, denn von den 19.000 EinwohnerInnen des nordenglischen Städtchens Northwich finden sich gerade einmal 26 in der Whitchurch Community Hall ein, um gemeinsam den Schock der Katastrophe zu bewältigen. Konflikte sind in der klaustrophobischen Situation vorprogrammiert.

    Drei beschließen auszubrechen: Der Reparaturarbeiter Carl Henshawe, der Angestellte Michael Collins und die Medizinstudentin Emma Mitchell, die schon von Beginn an hervorgehoben wurden, indem das Eintreten der Katastrophe kurz aus ihrer jeweiligen Sicht geschildert wurde - auch später springt der Roman gelegentlich von der auktorialen Erzählweise zu wechselnden Ich-Perspektiven. Mit der Expedition der drei ProtagonistInnen begibt sich "Autumn" auf ein Gebiet, das in Großbritannien ehrwürdige Tradition hat: Schon in John Wyndhams "The Triffids", Samuel Youds "The Death of Grass" oder J.T. McIntoshs "The Fittest" - drei Beispiele aus den 50ern - schlugen sich Menschen auf der Suche nach einem sicheren Zufluchtsort zum Verschanzen durch ein post-apokalyptisches England. Und auch wenn diese zur Science Fiction gezählt werden und "Autumn" unter Horror läuft, sind die grundlegenden Abläufe der Erzählung die gleichen. Dass sich Moody Genre-bedingt weniger Mühe zur Plausibilisierung des Bedrohungsszenarios machen muss (ein schon in seiner Wirkungsgeschwindigkeit biologisch unmögliches Virus, von der Reaktivierung der Toten ganz zu schweigen), spielt da vergleichsweise nur eine untergeordnete Rolle. - Spannend nebenbei bemerkt, wie sehr sich das Bild von Mensch und Gesellschaft in einem halben Jahrhundert verändert hat: Wo die Romane der 50er noch mit Autoritätsfiguren oder zumindest Menschen mit Wissensvorsprung aufwarteten, die gleich nach der Katastrophe Konzepte für die Zivilisation danach entwarfen (und beinhart umsetzten), bleiben die Hauptfiguren Moodys ohne Hintergrundinformationen und auf sich allein gestellt.

    "Herbst.Beginn" fokussiert auf einige wenige Personen, aus deren Hoffnungen, Erinnerungssplittern und zwischenmenschlichen Konflikten es seine Glaubwürdigkeit bezieht. Und einen Teil der Spannung - nicht die ganze allerdings, denn beizeiten merken Carl, Michael und Emma noch, dass es nicht damit getan sein wird, in aller Ruhe den Toten beim Verrotten zuzusehen ... - Wer das ausgesprochen fesselnde Leseerlebnis ohne Zeitverlust verlängern möchte: Im September ist auch schon das zweite Buch aus Moodys "Autumn"-Reihe ("Herbst. Stadt", ebenfalls bei Otherworld) erschienen.

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