Das Bergdorf des Professors

19. September 2008, 17:56
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Kaunerberg hat seit Jahren einen Grün-Wähler

"Wir sind einfach zu viele Bauern im Ort", grübelt der Gemeindesekretär von Kaunerberg, Helmut Lentsch (ÖVP): "Deshalb hat bei uns wohl nur einer grün gewählt bei den letzten Wahlen."
Das Kaunerberger Landleben wird auch gleich am Ortsanfang per Straßenschild mit rotem Dreieck angekündigt: Achtung, Kühe!

Idyllisch läutet die Kuhglocke

Und wirklich: Den Besucher empfangen Kühe an den steilen Hängen des Kaunertales, an denen der Ort Kaunerberg mit seinen weitversprengten Weilern liegt. Das Tiroler Grauvieh steht auf den Hängen und grast und kaut. Dazu läuten idyllisch die Kuhglocken.
Alexander Van der Bellen dürfte seinen Zweitwohnsitz nur als Rückzugsgebiet nützen, denn am Dorfleben beteilige sich der Professor nicht, erzählt Gemeindesekretär Lentsch. Leider sei er nicht mehr oft da, seit er so "prominent in der Politik" sei. Seit fast 30 Jahren lebt Alexander Van der Bellen schon in Wien, höchstens einmal im Jahr schafft es der grüne Frontmann in die Tiroler Heimat. Seine Wohnung wollte er eigentlich deshalb schon aufgeben, „brachte es dann aber doch nicht übers Herz".

Zu wichtig sei ihm das "Abschalten in den Bergen". Das sei immerhin sein einziger Urlaub. Denn in Kaunerberg und auf den umliegenden Berggipfeln, der Aifner-Alm und der Aifner-Spitze, kann er abschalten vom Politiker-Alltag. "Da geh ich dann mit meinen Hunden Kita und Chico endlich ausgiebig spazieren", erzählt der Professor. Egal wie selten er im Ort ist, Gemeindesekretär Lentsch weiß trotzdem genau, wann der grüne Professor in seiner Tiroler Wohnung urlaubt. Denn beide wohnen im Weiler "Posch", und dann ist es leicht, lacht Lentsch: "Wenn ich ein Auto mit Wiener Nummer sehe, dann ist der Professor da." Und ein Auto ist lebenswichtig in Kaunerberg.

Der Bus von Kaunerberg nach Prutz fährt nämlich laut Sommerfahrplan nur dreimal am Tag: Um sieben Uhr früh, um 13 Uhr und das letzte Mal um 17.25 Uhr. Und das nächste Lebensmittelgeschäft ist erst in Prutz, unten im Tal, 13 Minuten entfernt, mit dem Bus. Die Bauern seien ja Selbstversorger, schmunzelt Van der Bellen, betont aber, dass sein Toyota Hybrid nur "grüne" 5,5 Liter auf 100 Kilometer verbrauche.

Die ÖVP erreichte bei der Landtagswahl am 8. Juni 151 Stimmen, das sind mehr als die Hälfte aller abgegeben Stimmen. Die Grünen dümpeln seit 2003 bei einer Stimme auf 280 Kaunerberger Wahlberechtigten. Für das schlechte grüne Wahlergebnis in seiner Zweitwohnsitzgemeinde hat Spitzenkandidat Van der Bellen eine Erklärung: „Die Grünen haben es am Land einfach immer schwerer, die Grünen sind eine urbane Partei."

Kulturell spartanisch

"Man merkt ihn gar nicht, wenn er da ist, erzählt Gemeindesekretär Lentsch weiter über den grünen Professor. Auch ein Grund für das schlechte grüne Ergebnis in Kaunerberg? Van der Bellen überlegt, ob er möglicherweise öfter in seine Zweitwohnung kommen und dann mehr wahlwerben sollte.

Aber Kaunerberg sei eben ideal für einen Rückzug, gut zum Wandern und auch kulturell so spartanisch, perfekt zum Abschalten: Am 25. Oktober liest aber immerhin Altbischof Reinhold Stecher im Ort gegenüber, in Ladis. Denn katholisch sind sie, die Kaunerberger, an jeder Straßengabelung steht ein Kruzifix oder ein „Marterl" mit frischen Blumen. (Verena Langegger, DER STANDARD, Printausgabe, 20./21.9.2008)

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