Krank ohne Befund

17. September 2008, 15:43
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Ein Arztbesuch ohne Diagnose ist unbefriedigend - Das neue Wiener Befund/Befinden Modell schenkt dem persönlichen Krankheitserleben mehr Beachtung und kreiert so zufriedenere Patienten

Mal angenommen ein Mensch geht aufgrund seiner körperlichen Symptome zum Arzt. Untersuchungen folgen und die erhobenen Befunde ergeben kein spezifisches Krankheitsbild.

Wird der Patient diese Praxis erleichtert verlassen, glücklich darüber "gesund" zu sein? "Wahrscheinlich nicht, im Gegenteil die Kompetenz des Experten wird in Frage gestellt und der nächste Arzt schon bald konsultiert", erklärt Reinhold Jagsch, klinischer Psychologe und Gesundheitspsychologe in Wien.

Pathogenese: Prinzip von Ursache und Wirkung

Wenn Befinden und Befund nicht korrelieren gerät der Patient in ein Gesundheitsdilemma. Mit Doktorshopping versucht er die Diskrepanz zu überwinden. Das Kind braucht also einen Namen. "Dahinter steckt das pathogenetische Prinzip, dem sich die westliche Medizin sehr verpflichtet fühlt", betont Jagsch, der als Wissenschafter auch am Institut für Psychologie der Universität Wien tätig ist. Das Gesundheitsmodell der Pathogenese funktioniert nach dem Ursache-Wirkungs-Prinzip.

Geforscht wird immer nach den Krankheitsursachen und gesund ist, wer auch gesund lebt. Der glückliche Patient verlässt die ärztliche Praxis nur mit der richtigen Diagnose und Therapie.

Salutogenese: Kontinuum von Gesundheit und Krankheit

In den 1970er Jahren entwickelte der amerikanische Medizinsoziologe Aaron Antonovsky das Konzept der Salutogenese. Gesundheit und Krankheit verstand er dabei als Kontinuum, in dem sich der Mensch unentwegt hin und her bewegt. Völlige Gesundheit und Krankheit existieren hier nicht. Die Frage wohin jemand tendiert, ist abhängig von der persönlichen Haltung. Im besten Fall weiß der Mensch seine Ressourcen für den Erhalt der eigenen Gesundheit zu nützen.

Subjektives Erleben miteinbeziehen

Die Diskussionen um Gesundheitsförderung und Prävention hat Antonovsky in den letzten beiden Jahrzehnten entscheidend beeinflusst. Am Wiener Institut für Klinische Psychologie steht das saltuogentische Modell ebenfalls im Mittelpunkt des Interesses. "Wir beziehen das subjektive Krankheitserleben in medizinische Betrachtungen mit ein", erklärt Jagsch und entwickelte in Zusammenarbeit mit seinem Team das Wiener Befund / Befinden Modell.

Subjektives Krankheitserleben untersucht

In einer psychologischen Studie wurde das objektive Urteil medizinischer Experten dem subjektiven Krankheitserleben der Patienten gegenübergestellt. Folgende Ergebnisse kamen dabei heraus: Zwei Patientengruppen liefen konform, sprich der Patient fühlte sich wie der Arzt diagnostizierte, sowohl aus negativer, wie auch aus positiver Sicht. Ein Viertel der Befragten reagierte paradox. Ihr Befinden war zum einen Teil besser beziehungsweise schlechter, als dem objektiven Befund nach zu erwarten war.

Ärzte arbeiten mit Psychologen zusammen

"Wir wollen verstärkt Patienten mit geringen Ressourcen unterstützen", ergänzt Jagsch die Konsequenz,  die aus der Theorie nun gezogen werden soll. In der Praxis heißt das: Ärzte intensivieren in Zukunft ihre Zusammenarbeit mit klinischen Psychologen. Patienten lernen Zusammenhänge verstehen und gelangen so zu mehr Vertrauen und Eigenverantwortung.

Ersetzen soll die Salutogenese das pathogenetische Wissen dabei nicht. Jedoch ist das erste Modell durch die Integration psychosozialer Faktoren wesentlich patientenfreundlicher. Kein Arzt wird einen schmerzgekrümmten Patienten vordringlich nach seinem biografischen Kontext befragen. Dennoch bleibt das subjektive Befinden als Ergänzung zum objektiven Befund immer ein wichtiger Punkt. Schlussendlich kann uns eine vertrauensvolle Arzt-Patienten Beziehung und das Bewusstsein, dass wir nicht Opfer sind, auf die gesündere Seite bringen. (phr, derStandard.at, 17.09.2008)

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    Ohne Diagnose zieht es Patienten zu immer neuen Ärzten um endlich Gewissheit zu haben

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