Wenn nur noch der Schein zur Wahl steht

16. September 2008, 18:33
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"Genug gestritten" - über diesen Slogan sind sich alle Parteien einig - Nun zählt, wer die beste Performance liefert - Von Clemens Berger

Mit Formaten wie Starmania tauchten auf den Bildschirmen eines Tages Demokratiesimulationen auf, in denen die Menschen endlich einmal auch mitbestimmen durften. Über kostenpflichtige Kurzmitteilungen konnten sie ihre Kandidatin oder ihren Kandidaten wählen, um am Schluß das Produkt erschaffen zu haben, das sie bald darauf erwerben konnten. Die Produktionsfirmen, denen durch Raubkopien und Downloads die Felle davonzuschwimmen begannen, hatten ihren Markt getestet, der sich wiederum freuen durfte, selbst über ein neues Produkt entschieden zu haben. Das war eine Kampfabstimmung über Sympathie, den kleinsten gemeinsamen Nenner dessen, was als massentauglich durchgehen kann. Während man für gewöhnlich amoralische, drogensüchtige, zutiefst promiske Individuen als dunkle Sterne am Pophimmel bewundert, kamen diejenigen als Siegerinnen und Sieger aus der Kampfabstimmung, die brav, harmlos, gefällig waren, ohne Ecken und Kanten, falsche Ansichten oder dunkle Geheimnisse.

Diese in allerlei Varianten wiederholten Abstimmungen ließen ein Gefühl wiederaufleben, das abhanden gekommen zu sein schien: mit einer Stimme wirklich über etwas entscheiden zu können, und sei es auch nur über ein Album, das ein paar Wochen lang die Charts anführen würde, oder über ein Sternchen, dessen Leben man Woche für Woche in den Illustrierten verfolgen könnte. Mittlerweile ist die politische Bühne selbst unters Muster ihrer Simulation geraten. Es herrscht der Schein, aber gar nicht verborgen, sondern dermaßen offensichtlich, daß der Diskurs des Scheins alle anderen zu überlagern beginnt. Die Diskussionen zum herbstlichen Stimmenfang beziehen sich wie selbstverständlich auf ihn. Zuerst war es in einer bislang unbekannten Weise noch darum gegangen, ob die Frisur des Bundeskanzlers peinlich sei, und ob er über den Oberlippen etwas zu stark schwitze. Jetzt freut man sich diebisch darüber, daß die Volkspartei ihren Kandidaten kaum auf Plakaten abbilden könne, weil er so ungeschickt lächle und so unfreundlich blicke. Man vergleicht die gebleckten Zähne Straches mit den (ja, warum denn?, sind die nicht weiß und gleichmäßig?) unter schmalen Lippen versteckten Faymanns, dem allerdings zugute gehalten werden kann, wie freundlich er lächle. Selbst intelligente Menschen machen ihr Argument gegen eine Stimme für die Grünen mittlerweile daran fest, daß Van der Bellen immer so verdrossen wirke, so langsam spreche, viel zu professoral sei, weil es selbst eine zurückgeschraubte Intellektualität nicht leicht hat in diesem Land. Wer raucht, muß ohnehin die Zigarette verstecken, wenn eine Kamera dabei ist. Und auch die zum Argument umfunktionierte Frage, ob Jörg Haider Gefallen an jungen Männern finde oder ob Strache kokse, ist vorderhand keine politische.

Allein was ist dieser Maßstab, an dem der Schein gemessen wird? Woher wird er bezogen? Warum soll ein Bundeskanzler nicht rauchen, immer lächeln, keinesfalls streiten? Warum muß die Frisur einer Bundeskanzlerin perfekt sitzen und ihre Zähne so weiß wie ihre Bluse sein? Warum soll er oder sie fest gebunden sein, keine Affairen haben und beim Kiffen noch nie inhaliert haben? Zu fragen wäre, wie es diesem Diskurs gelingt, sich dermaßen durchzusetzen, daß selbst und gerade Menschen, die kaum eines dieser Attribute auszeichnet, ihn übernehmen und Politik nennen. Da scheint das Rollenbild des beinahe asketischen Managers durch, der rund um die Uhr für sein Unternehmen rackert, kaum schläft, keine Freizeit kennt, äußerlich in der Ordnung ist und sich immer angemessen benimmt. Aber daß er dafür hin und wieder ein wenig Kokain, ein paar Fetische und vielleicht die eine oder andere Perversion braucht, um etwas zu spüren, wird dabei schon wieder ausgeblendet.

Der Schein wird ja erst dort zum Argument, zur Grundlage der Debatte, wo die Politik abhanden gekommen ist. Politik ist Streit, Auseinandersetzung ums Zusammenleben und vor allem Formulierung eines Willens zur Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse, eines Zieles, das etwas Identifikatorisches jenseits der Hetzmeute stiften kann. Wo in großen Lettern als Hauptlosung Genug gestritten ausgegeben wird, und diese Parole noch dazu auf ihren Markt abgestimmt zu sein scheint, ist der berühmte Satz Vranitzkys, wonach zum Arzt gehen solle, wer Visionen habe, bereits zur zweiten Natur geworden: unhinterfragt und unveränderlich wie der Kapitalismus, ohne den sich keine der im Parlament vertretenen Parteien ein Leben auf dieser Erde vorstellen kann. Daß das Projekt einer breiteren Linkspartei mit enttäuschten Sozialdemokratinnen und verärgerten Gewerkschaftern, nach der es eine spürbare Sehnsucht gibt, scheiterte, macht die Sache auch nicht einfacher: Es gibt keine linke Partei in Österreich, die ins Parlament einziehen könnte, um im Rahmen des dort Möglichen eben das aufzuzeigen: Möglichkeit und Unmöglichkeit von Politik unterm Diktat der Ökonomie.

Wo es keine Politik mehr gibt, tritt die Frage in den Vordergrund, wie man etwas hinüberbringt. Da steckt der große Konformismus, der bereitwillig zugibt, das Spektakel als Spektakel zu akzeptieren. Also geht es um ästhetische Darbietung, um einen mehrheitsfähigen Stil, der gerade durch die Abwesenheit von Stil gekennzeichnet ist. Wo ausschlaggebend ist, ob jemand mürrisch oder agil wirkt, haben Schein und Ästhetisierung längst die Politik eingepackt. Die A-Politik besteht in erster Linie darin, daß die wirklich brennenden Fragen der Zeit eben nicht gestellt werden - die Mobilität des Kapitals im Verhältnis zur Mobilität der Vielen, die Durchökonomisierung aller gesellschaftlichen Bereiche und sozialer Felder, die Nutzbarmachung des menschlichen Lebens zum Zweck der Profitmaximierung, das Verhältnis der reichen zur armen Welt. Daß wer hier lebt, auch von hier sein soll, daß alle Kranken ungeachtet ihres Status die bestmögliche Behandlung erhalten sollen, daß ein Grundeinkommen die Zumutungen der prekären Arbeit attackieren kann, daß es wahrer Politik immer auch um die Frage nach dem geglückten Leben und den Bedingungen seiner Möglichkeit geht, findet auf dem Feld der A-Politik keinen Widerhall. Politik wäre unter den herrschenden Zuständen die Zuwendung zu den großen Fragen und gleichzeitig die Ausstellung ihrer relativen Hilflosigkeit, ein Versprechen, das nicht darauf abzielte, die Mehrwertsteuer zu halbieren. Die aktuellen A-Politiken sind gut kalkulierte Strategien im Stimmenfang, die an die Regierung und zur Verwaltung des schlechten Bestehenden führen sollen, das gerade kosmetische Veränderungen zuläßt.

Wer eine Lage nicht mehr zu deuten vermag, wirft mit Stichworten um sich. Eines davon heißt Politikverdrossenheit, das die Vielen generell und die Jungen im besonderen kennzeichnen soll. Während man allerorten zu hören bekommt, wen man denn diesmal wieder wählen solle, ob man noch einmal für das geringste Übel (die Grünen) stimmen oder vielleicht doch taktisch und mit absolut schlechtem Gewissen (sozialdemokratisch) wählen solle, damit sich Grün nicht mit Schwarz einlassen könne, oder ob man trotz allem symbolisch wählen solle (KP oder Linke), ist die Hauptfrage, an der Kommentatoren und Politikexperten die Politikverdrossenheit festmachen würden, einfach: Gar nicht hingehen oder weiß wählen?

Das Hauptargument, das zu einer gängigen Münze geworden ist, und an das die Meinungsforscher und Politikexperten ihr Verdrossenheitswort knüpfen, lautet natürlich: Es ändert sich ohnehin nichts. Einerseits ändert A-Politik tatsächlich wenig, andererseits zeitigen ihre homöopathischen Veränderungen zumindest gewisse Auswirkungen. Und jene Politik, die sich nicht im herrschenden Rahmen, dessen Spielregeln schon feststehen, bewegt, kommt nur bei Protesten gegen Weltlenkergipfel in die Medien. Zu hoffen bleibt, daß die Menschen allemal besser sind als die Wähler in ihnen. (Clemens Berger/DER STANDARD-Printausgabe, 17. September 2008)

Zur Person

Clemens Berger, Jahrgang 1979, lebt als freier Schriftsteller in Wien. Zuletzt erschienen die Romane "Paul Beers Beweis (2005) und "Die Wettesser" (2007).

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    "Starmania" als Vorbild für politische Schaukämpfe: Wer weniger mürrischer wirkt, hat die beste Aussicht auf Erfolg.

  • Clemens Berger ist freier Schriftsteller in Wien.
    foto: corn

    Clemens Berger ist freier Schriftsteller in Wien.

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