Gläserne Schüler im Namen der Sicherheit

16. September 2008, 15:48
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Die Mikrochipkarte im Schülerausweis - vorläufig als Pilotprojekt hat sich das britische Schreckgespenst an Österreichs Schulen eingeschlichen

Wien – Still haben sie sich den Weg an die heimischen Schulen gebannt: die Mikrochips. In Form des Pilotprojekts "edu.card" werden sie seit 2002 eingesetzt, mittlerweile nützen sie 30 Schulen.

Zu den Vorreitern der schulischen Ausstattung mit Chipkarten zählt Großbritannien. An britischen Schulen werden bereits Fingerabdrücke abgenommen, Mikrochips in Kleidungsteile integriert und Systeme zur Überwachung des Aufenthaltsorts der Schüler verwendet. Unter dem Deckmantel der Sicherheit, versteht sich.

Auch in Österreich setzt sich der elektronische Schülerausweis langsam durch. An 30 Schulen, von Gymnasien, über HTLs und HAKs läuft das Pilotprojekt namens "edu.card" – eine elektronische Chipkarte die den herkömmlichen, traditionellen Papierschülerausweis ersetzt.

Der große Unterschied zu dem englischen System: Das österreichische Projekt betont explizit, dass es kein System zur totalen Überwachung der Schüler gestalten möchte, sondern lediglich eine Erleichterung für Schulen und Schüler darstellen soll. Denn im Gegensatz zu Großbritannien werden keinerlei Daten über den Schüler auf der Karte gespeichert, die nicht auch auf dem Äußeren der Karte zu sehen sind.

Was auf der Karte zu sehen ist, das hängt momentan noch von der Schule ab, denn nicht alle beteiligten Schulen benutzen alle der möglichen Funktionen. Im Idealfall jedoch sollten neben der Schüler-Identifikationsnummer der Name und das Geburtsdatum des Schülers, der Name und die Adresse der Schule, das Gültigkeitsdatum der Karte sowie die zur Freifahrt berechtigenden Nummern der öffentlichen Verkehrsmittel sein.

Schlüssel zur Klasse

Zu einer der Schulen mit dem momentan höchsten Nutzungsgrad zählt eine Handelsakademie im 10. Wiener Gemeindebezirk. Hier ist es den Schülern bereits möglich, ihre Karte als Schlüssel für die gesamte Schuleinrichtung zu verwenden, sei es als Zugangsberechtigung zur Schule an unterrichtsfreien Tagen, als Schlüssel zur Klasse oder als Identifikation an der Tür zum Turnsaal-Warteraum. Auch am schulinternen Buffet lässt sich mithilfe der integrierten Quick-Funktion der Karte, nach vorherigem Aufladen über Bankomat, bargeldlos zahlen.

Den Beschluss, an diesem Projekt mitzuwirken, fällen die Schulgemeinschaftsausschüsse der einzelnen Schulen, somit sind an der Entscheidung nicht nur Lehrer- und Elternvertreter, sondern auch Schülervertreter beteiligt.

"Um einiges praktischer und handlicher" als den herkömmlichen Ausweis empfindet Caroline Pacholet ihre Karte. Es gäbe noch viele Schüler, die das System kaum nützen. Denn einmal im Monat muss die Karte am Schulportal aktualisiert werden, "vielleicht wird dies einfach zu oft vergessen?", mutmaßt die Schülerin.

Seit sechs Schuljahren wird das System an ihrer Schule ständig erweitert, sie steht dem mit gemischten Gefühlen gegenüber. Sie ist strikt dagegen, dass der Schülerausweis, der momentan nur als Schlüsselsystem agiert und keinerlei Informationen über Aufenthaltsorte bzw. Zeitpunkt des Eintreffens oder Verlassens der Schule speichert oder preisgibt, in Zukunft in ein solches System umgewandelt werden soll. "Ich will doch nicht, dass jeder immer weiß, wo ich war und wo ich im Moment gerade bin", meint Caroline. Noch hat sie keine Angst vor der Verletzung ihrer Privatsphäre, ihr sei versichert worden, dass der Schülerausweis nicht zum Datenspeicher über Leistungen und Verhalten werden wird.

Trotz recht unterschiedlicher Meinungen unter Schülern über die Sinnhaftigkeit der Karten, zeigt sich das Unterrichtsministerium zufrieden. Neben den 30 Schulen, die an dem Projekt mitarbeiten, haben bereits weitere den Einsatz der "edu.card" beschlossen.

In Großbritannien besteht bereits eine Gruppierung von Datenschutzexperten, genannt "Leave Them Kids Alone" (LTKA), die aktiv gegen die ID-Cards mit Fingerabdrücken an Schulen vorgeht. Mit den Eltern versucht LTKA das System zu stürzen, um Kindern "die Chance zu geben, genauso frei aufzuwachsen, wie sie es taten".

In Österreich ist noch keine Anti-"edu.card"-Front zu finden, was vermutlich darauf zurückzuführen ist, dass sich Schulen bis dato freiwillig am Projekt beteiligt haben – sollte es jedoch nach dem Unterrichtsministerium gehen, wird nach erfolgreicher Absolvierung des Pilotprojekts dieses System flächendeckend eingeführt.(Benedikt Feichtner, Lorenz Pichler/ DER STANDARD, 16.9.2008)

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    Foto: dpa/Jensen

    Um die Schülerausweise zu kontrollieren, wurde im Berliner Problembezirk Neukölln ein privater Wachdienst beauftragt, zum Schutz der Schüler. Die "edu.card" umgeht solche Schritte.

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