Bildung, volle Kraft zurück

15. September 2008, 19:21
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Es mögen hehre Motive hinter der Absicht stehen, Zugangsbeschränkungen wieder aufzuheben, doch für die Unis wäre das fatal - Von Oliver Vitouch

Stalin, Chruschtschow und Breschnew fahren mit der Transsibirischen Eisenbahn. Plötzlich hält der Zug auf offener Strecke. Stalin lässt zum Lokführer schicken und ausrichten, wenn der Zug in fünf Minuten nicht wieder fährt, wird die gesamte Mannschaft exekutiert. Nichts rührt sich. Chruschtschow sagt, das sei grundfalsch, und lässt bestellen, wenn der Zug in fünf Minuten wieder flott ist, werden alle reich beschenkt. Nichts passiert. Breschnew sagt: Genossen, was, wenn wir einfach die Rollos der Abteilfenster herunterlassen und so tun, als würde der Zug fahren?

Die österreichische Hochschulpolitik verfolgt seit langem konsequent die Breschnew-Doktrin. Damit Loks fahren und Universitäten ihre Lehr- und Forschungsaufgaben erfüllen können, braucht es Kohle, aber auch ein paar weitere Bedingungen. Eine zentrale ist gerade gefallen. Der Nationalrat hat am 12. 9. mit den Stimmen von SPÖ, Grünen und FPÖ überraschend beschlossen, jene Zugangsbeschränkungen aufzuheben, die 2005 für einige in Deutschland mit dem Numerus clausus belegte Fächer, wie Medizin und Psychologie, eingeräumt wurden. Damals hatte der Europäische Gerichtshof erklärt, dass EU-Bürger in Österreich den gleichen Zugangsbeschränkungen unterliegen wie Inländer - also keinen.

Psychologie ist in Deutschland das härteste NC-Fach (strikter als Medizin); in drei Bundesländern ist für die sofortige Zulassung ein Abiturschnitt von 1,0 erforderlich (Bayern 1,2). Von zehn Psychologie-Interessenten werden in Deutschland neun abgewiesen. Im Salzburger Psychologiestudium liegt der Anteil deutscher Erstsemester derzeit bei 71 %, in Innsbruck bei 55 %.

Die Lage der Psychologie war aber schon vor dem EuGH-Urteil nicht rosig. Am Beispiel Klagenfurt: Auf 15 Wissenschafter, vom Magister bis zur Professorin, kommen 1450 Studierende, bei 230 Anfängern (2005 als Maximalzahl "eingefroren") und rund 100 Absolventen jährlich. Die Drop-out-Quote liegt an allen Standorten weit über 50 Prozent. Österreich hat derzeit fast halb so viele Psychologie-Studierende wie ganz Deutschland, und die Nachfrage steigt weiter.

Solche Studien- und Arbeitsbedingungen führen zu Burn-out, Drop-out, sozialem Numerus clausus, zu Wissenschaftern mit 50 und mehr Diplomanden in simultaner "Betreuung", zu Plagiatsaffären und zu in Gesundheits- und Sozialberufen tätigen Psychologen mit groben Ausbildungsdefiziten. Studierende werden für einen tabuisierten Götzen namens "freier Zugang" um ihr Studium betrogen. Besonders fatal ist das in der Diplomarbeitsphase: Statt gemeinsamer wissenschaftlicher Arbeit, gibt es oftmals genau zwei Termine mit dem Betreuer - Themenvereinbarung und Abgabe.

Nun ließe sich all das eventuell noch in Kauf nehmen, wenn das österreichische Modell des "freien Zugangs" seinen Zweck erfüllen würde: die Universitäten für alle Bevölkerungsschichten zu öffnen. Die OECD belegt jedoch regelmäßig, dass das Gegenteil der Fall ist: Nach über 30 Jahren "freien Zugangs" wird Bildung nirgendwo so sehr vererbt wie in Österreich. Das liegt primär am viel zu früh segregierenden Schulsystem (Stichwort Gesamtschule) und ist unbeeinflusst durch die unlimitiert freie Fächerwahl. Kein Wunder, dass praktisch alle EU-Staaten den Studienzugang regulieren.


Auswahl mit Quoten

Hingegen ist ein simples und effizientes Instrument sozialer Durchmischung hierzulande nicht einmal Gegenstand der Debatte: "Affirmative action", im angelsächsischen Raum weit verbreitet, beruht auf Auswahlverfahren mit Quoten, die für Studierende aus bildungsfernen Schichten, Alleinerzieherinnen und andere benachteiligte Gruppen reserviert sind. Solche Modelle erzielen "über Nacht" eine Durchmischung, die in Österreich in Jahrzehnten nicht gelungen ist. Bruno Kreisky und Hertha Firnberg würden 2008 gegen den "freien Zugang" und für ein "Affirmative-action"-Modell entscheiden. Und sie würden die Zugangsbestimmungen nicht abschaffen, sondern weiterentwickeln - weil die Ausfinanzierung der freien Fächerwahl unvernünftig und ungemein teuer ist, und das Geld anderswo an den Universitäten besser und sozialer eingesetzt wäre.

Josef Broukal ist, wie auch Kurt Grünewald, ein ehrenwerter Mann; ich zweifle nicht an ihren hehren Idealen und Motiven. Ich zweifle allerdings an ihrer Zurechnungsfähigkeit: Leider ist es in Wahlkampfzeiten allzu leicht, das intellektuelle Rollo herunterzulassen. Bezüglich der Psychologie hat das Parlament im Kern beschlossen, dass künftig aus Bundesmitteln mehr Deutschen das Psychologiestudium in Österreich ermöglicht wird.

Einen Budgetausgleich der Steigerungszahlen zu verheißen, ist, wie wenn man einem Ertrinkenden mitteilt, dass man den Wasserpegel weiter hebt, den Zufluss aber dafür etwas angenehmer temperiert. Wollte man den derzeit bestausgestattenen österreichischen Studienstandort, Salzburg, auf das Betreuungsniveau der Uni Jena heben, so müsste man (noch ohne Zufluss) das Personal verdreifachen. Den Status Quo zu ignorieren und nur von Steigerungszahlen zu sprechen ist famos.

Der hochschulpolitische Zug hat sich am Freitag in Bewegung gesetzt. Er fährt mit Elan rückwärts.(Oliver Vitouch/DER STANDARD-Printausgabe, 16. September 2008)

Zur Person

Oliver Vitouch ist Professor für Allg. Psychologie an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt und Präsident der Österr. Gesellschaft für Psychologie.

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    Ehrenwerte Herren mit eingeschränktem Weitblick? – Josef Broukal und Kurt Grünewald wollen freienn Bildungszugang, der jüngste Nationalratsbeschluss ermöglicht dies für deutsche Studenten.

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