Analyse: Zehn, 15 Jahre Stagnation in USA

15. September 2008, 19:13
81 Postings

Kurzfristig treffen die Finanzschocks die Kreditgeber aus Asien und Europa stärker als die USA. Langfristig wird Amerika in eine Stag­nation schlittern, meint Ökonom Erich Streissler

STANDARD: Nach Bear Stearns, Fannie Mae und Freddie Mac hat es nun Lehman Brothers erwischt. Sehen Sie Parallelen zur Weltwirtschaftskrise der 30er-Jahre?

Streissler: Ernste Schwierigkeiten beginnen mit Bankzusammenbrüchen. Was wir bisher gesehen haben, ist aber noch viel zu wenig. Zweitens kommt es genau da auf die wirtschaftspolitischen Reaktionen drauf an. Die 30er-Jahre waren dadurch gekennzeichnet, dass man davon ausgegangen ist, nichts machen zu müssen. Gerade die Bankiers waren, weil der Kapitalismus in Zweifel gezogen war, der Meinung, man soll nicht eingreifen. Jetzt ist das umgekehrt.

STANDARD:  Wie beurteilen Sie die wirtschaftlichen Auswirkungen der Finanzkrise?

Streissler: Amerika wird es Japan nachmachen. Zehn, 15 Jahre Stagnation - gerade, weil man alles auffängt und damit die Schulden im öffentlichen Bereich erhöht. Aber: Die Kapitalgeber verlieren wesentlich mehr als die Kapitalnehmer. Die Kreditoren waren damals die Vereinigten Staaten, heute sind es wir (Europäer, Anmerkung). Das wirkliche Weltwirtschaftswunder ist, dass das kommunistische China die Vereinigten Staaten hochhält. Die machen jährlich Verluste in der Größenordnung von zehn, 15 Prozent auf ihre US-Investitionen im Volumen von 1,5 Billionen Dollar. Zumal der Dollar abwertet. Das ist ein Mysterium, warum alle diese Länder in den USA investieren, wenn sie laufend Verluste machen. Warum stecken die Inder hunderte Milliarden in die Vereinigten Staaten, anstatt zuhause Straßen zu bauen?

STANDARD:  Das Defizit der USA droht sprunghaft zu steigen. Ist die Zeche für die höheren Schulden höher als der Schaden durch Zusammenbrüche?

Streissler: Das wäre die Überlegung der österreichischen Schule. Ich glaube, dass das aus politischen Gründen nicht realistisch ist. Wer schreibt schon seine Präsidentschaft ab. So kann man weiter dahinwurschteln. Heute sind die USA das keynesianischste Land und Europa mit der EZB ist das Gegenteil. Das ist genial für die USA.

STANDARD:  Welche konjunkturellen Folgen hat die Situation in Europa?

Streissler: Wir haben jetzt schon mehrere Rezessionsländer. Großbritannien an erster Stelle, weil die so viel in Amerika investiert haben, sowie Irland. Spanien hat genau dasselbe gemacht wie die USA: Häuser gebaut, die sie nicht verkaufen können. Und Deutschland, das stark in die USA investiert hat. Gottlob investiert Österreich in Osteuropa. Aber natürlich ist die Frage, werden Rumänien und die Ukraine unsere USA?

STANDARD:  Geben Sie den Bankern eine Mitschuld an der Krise?

Streissler: Seit 2000 wird weltweit mehr gespart als investiert: Kapitalverwertungsprobleme, hätte unser Freund Karl Marx gesagt. Die US-Banken nehmen zwei Drittel bis drei Viertel der Ersparnis-Überschüsse der ganzen Welt auf. Sie versuchen verzweifelt, damit irgendetwas zu machen. Gerade die letzte industrielle Revolution im Bereich Computer, Software, Internet war mit niedrigem Investitionsbedarf verbunden. Was macht man da mit den ganzen Ersparnissen? Finanzspekulationen, das ist die einzige Möglichkeit. Das heißt letztlich, Gewinne auf Kosten anderer zu machen, weil real nichts produziert wird.

STANDARD:  Die Offenlegung der Verluste war aber sehr schleppend.

Streissler: Wer heute sagt, er ist kaputt, muss höhere Kreditzinsen zahlen. Dann ist er erst recht kaputt. Außerdem ist es furchtbar schwer festzustellen, wie stark die Vermögen im Preis fallen.

STANDARD:  Laut Prognosen wird die US-Wirtschaft heuer schon wieder schneller wachsen als in der Eurozone. Reagiert Washington besser auf die Schocks?

Streissler: Die USA haben Geld in die Bevölkerung gebuttert, die hat es sofort ausgegeben. Dieser Effekt wird nun nicht mehr da sein. Meine Prognose ist, dass die USA wie in den Siebziger-Jahren oder Japan in den 90er-Jahren bist heute, in eine Stagnation fallen werden.(Andreas Schnauder, DER STANDARD, Print-Ausgabe,16.9.2008)  

Zur Person

Erich Streissler (75) ist emeritierter Professor für Volkswirtschaft an der Uni Wien, studierte Jus, Geschichte, Mathematik und Psychologie.

  • Die USA konnten die Wirtschaft nur kurz beleben, glaubt Erich Streissler.
    foto: standard/matthias cremer

    Die USA konnten die Wirtschaft nur kurz beleben, glaubt Erich Streissler.

Share if you care.