Schönheit, die manchmal möglich ist

15. September 2008, 18:48
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Begeisternd: Die sechste Ausgabe des "Sprachsalz"-Literaturfestes in Hall in Tirol

Hall in Tirol - "Er glaubte, dass es gute Orte gab und dass die meisten Menschen gut waren, dass aber die Regeln, die sie für die Orte machten, schlecht waren und die Menschen durch sie ebenfalls schlecht wurden", schreibt der in New York lebende Autor Colum McCann in seinem im vergangenen Jahr erschienenen Roman Zoli.

Dass Hall in Tirol mittlerweile ein besonderer, ein besonders guter Ort für Literatur ist, hat mit Sprachsalz, den Internationalen Tiroler Literaturtagen, zu tun - und mit Lesungen wie jener McCanns vergangenen Freitag. In der ehemaligen Wäscherei des Psychiatrischen Krankenhauses - auch von hier wurden in den 1940er-Jahren Patienten abtransportiert und ermordet - erzählte der irischstämmige Schriftsteller vom Schicksal seiner Hauptfigur Zoli, einer Roma-Frau in den Wirren des vergangenen Jahrhunderts.

Von Beginn an hat es Sprachsalz, das vergangenes Wochenende zum sechsten Mal stattfand, verstanden, Worte und Menschen zusammenzubringen. Konnte sich die Veranstaltung in den vergangenen Jahren mit großen Namen wie etwa Alberto Manguel, Frank McCourt oder Kenzaburo Oe schmücken, schien das heurige Programm unspektakulärer. Allerdings nur auf den ersten Blick. Denn aus Irland reiste Felix Mitterer an, dessen Abend das Publikum förmlich stürmte. Gelesen hat Mitterer aus seinem neuen Stück Der Patriot, einer beklemmenden Montage der Vernehmungsprotokolle, psychiatrischen Gutachten und Bekennerschreiben des Briefbombenattentäters Franz Fuchs, das kommenden November im Wiener Stadttheater Walfischgasse uraufgeführt wird. Und obwohl Mitterer im Drehbuch eines Tatort-Krimis einst schrieb: "Werner Kofler ist tot, er hat sich erhängt", war Werner Kofler, der "in puncto Humor" keinen Spaß versteht, bei Sprachsalz - und zwar wie. Fulminant seine Lesung aus der Kalten Herberge.
Entdeckungen

Eine kleine Sensation war dann nicht nur der "Überraschungsgast" Eckhard Henscheid, der seine frühe Erzählung Die Wurstzurückgehlasserin zum Besten gab, sondern auch der große Schweizer Autor Markus Werner, der krankheitshalber nicht mehr auftritt und für Hall eine Ausnahme machte. Bodo Hell bestach durch seinen Vortrag, Gerhard Ruiss stellte den zweiten Band seiner Oswald-von-Wolkenstein-Übersetzung vor, und Margit Schreiner las - auch - davon, dass es in Männergedanken stets nur um das eine (neben dem anderem, dem Sport) geht.

Aus Slowenien kam Drago Jancar nach Hall, aus Bratislava der junge Shootingstar der slowakischen Literatur, Michal Hvorecký. Er war, wie Nora Gomringer, Urs Mannhart, Monique Schwitter und Erasmus Schöfer eine Entdeckung. Dass diese Literaturtage wie jedes Jahr einen Besucherrekord verzeichneten, hat neben dem Programm und der Begeisterung der Organisatoren damit zu tun, dass sie den schmalen Grat zwischen Eventkultur und inhaltlichem Anspruch bravourös meistern. Schon im zweiten Jahr sagte Peter Bichsel über Sprachsalz: "Werdet nicht besser - ihr seid schon gut genug." Oder wie es bei McCann heißt: "Die wahre Schönheit des Leben ist, dass Schönheit manchmal möglich ist." (Stefan Gmünder, DER STANDARD/Printausgabe, 16.09.2008)

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