Die Nostalgiker des Futurismus

14. September 2008, 18:30
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Das Sun Ra Arkestra im Wiener Porgy & Bess

Wien - Wohl kein Orchester der Welt sonst könnte es sich leisten, in jenen abgetakelten Glitzerkostümen und -hauben, Marke Maturaball circa anno 1956, aufzutreten. Und wohl keine Band sonst dürfte es sich erlauben, an sich nicht unwesentliche Ensemble-Tugenden wie Intonation und Satzspiel so, äh, liberal zu handhaben.

Das Sun Ra Arkestra kann. Für die Mannen um Veteran Marshall Allen, die die Fackel des 1993 verstorbenen Gründers und Weltraum-Philosophen weitertragen, ist das Weltraumkitsch-Outfit authentische Tradition, und für sie hat die Unschärfe trashige Methode auf den eigenwilligen Tauchgängen in die Jazzgeschichte. Immerhin stand Sun Ra im Banne astrologischer Einsichten - er wusste sich mit den Kräften des Kosmos im Bunde, behauptete, vom Planeten Saturn abzustammen, und verstand seinen Kollektivklangkörper als Verbindung von Arche und Orchester. "Cosmic Jazz" wurde zum exzentrischen Beitrag zur Aufhebung der Diskriminierung und zur Proklamation des Antirassismus.

Swing und Stomp-Rhythmen

Darin zeigte sich das als pionierhaftes Free-Jazz-Ensemble bekannt gewordene Arkestra freitags im Porgy & Bess, im Zuge des ersten Wien-Gastspiels seit vielen Jahren, tief verwurzelt. Hat doch Sun Ra alias Herman Blount das Pianistenhandwerk einst in den swingenden 1930er-Jahren erlernt, woran er sich in den 1980er- und 1990er-Jahren, gegen Ende seines Lebens, wieder gerne erinnert hat.

Swing und Stomp-Rhythmen bilden, oft in simplen Blues- und 32-taktigen Chorusformen, bis heute die Basis, das Vokabular des Arkestra, das freilich im Wissen um die Free-Jazz-Experimente der 60er-Jahre exekutiert wird. Die Bläsersätze, zumeist verknappte Riff-Formeln, finden sich harmonisch dissonant verdichtet, die Soli kippen von der Bluesphrase unversehens ins hochenergetische Überblasregister, und wenn Noel Scott Ballroom-tauglich "If you believe in Love" gurrt, dann sieht sich sein Gesang von erratischen Bläserlinien überlagert.

Der 84-jährige Marshall Allen, der das Arkestra mit Handzeichen dirigiert und die rauen Kehlen seiner Mannen auch immer wieder zu mantraartigen Gesangseinlagen zusammenführt, er liefert etwa in "Big John Special" den Beweis für seine noch immer stupende saxofonistische Orgiastik. Die punkige Energie und die eigenwillige, skurrile Archaik, die diese Musik ausstrahlt, sie machte die Performance dieser Futurismus-Nostalgiker im Porgy & Bess zum Erlebnis. (Andreas Felber/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15. 9. 2008)

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