Alabama - Michael Köhlmeier

12. September 2008, 18:45
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Ich nahm einen Papp-Becher mit schwarzem Kaffee und einen Donut mit rosarotem Zuckerguss und spazierte weiter in meinem schnellen Schritt, weiter hinaus die Straße zum Bahndamm

Ich war damit beschäftigt, an meinen Vater zu denken. Entlang der Gehsteigkanten kam Wasser gelaufen. Der Regen war einen halben Kilometer westlich niedergegangen. Wieder schlugen Blitze aus der schwarzen Wolkenwand, und gleichzeitig krachte der Donner wie ein zerberstender himmelhoher Baumstamm. Ein Mann trat aus dem Friseurladen am Beginn der Samford Avenue. Es wäre unhöflich von mir gewesen weiterzugehen. Er presste seine Hände gegen seine Nieren, stellte sich auf die Fußzehen, schob den Bauch heraus und schaute, wohin ich schaute, und sagte, er sehe mir an, dass ich nicht von hier sei - obwohl er mich gar nicht angesehen hatte.

Ich nickte. Er hatte dünnes, schweißverklebtes orangefarbenes Haar und trug eine Brille mit Linsen, stark wie die Gläser auf alten Taschenlampen. Ein wenig wandte er mir nun doch den Kopf zu, beobachtete mich aus den Augenwinkeln, an den dicken Gläsern vorbei, ein Gespenst war ich für ihn. Ob ich wissen wolle, woran er erkenne, dass ich nicht aus Auburn sei. Daran, wie ich gehe. Ich lachte ein bisschen. Die Leute in Auburn gehen langsamer, sagte er. Ich lachte ein bisschen weiter. Ob ich wissen wolle, warum die Leute in Auburn langsamer gehen. Jetzt drehte er sich ganz weg von mir, wandte mir den Rücken zu, als wäre nicht mehr ich sein Adressat, sondern ein imaginäres Publikum vor ihm.

Ich müsse jemanden anderen fragen, platzte er heraus, er wisse es auch nicht, und lachte so laut, wie ein Mann gegen ein Gewitter anlachen kann, wischte sich mit dem Ärmel seines Hemdes über die Stirn und konnte sich nicht beruhigen. Ein zweiter Mann trat aus dem Laden, klein, unrasiert, mit einem Gebiss hinter den Lippen, das viel zu groß war, wie ein Musterstück, auf das er aufmerksam machen wollte. Er trug ein T-Shirt mit einem Revolver, dessen Mündung gerade auf mich gerichtet war. Ob ich aus Montgomery sei, fragte er. Ich schüttelte den Kopf. Aus Mobile? Aus Europa, sagte ich. Vom Friseurladen her wehten Kaffeeduft und der Geruch von frischen süßen Donuts herüber. Die beiden Männer nahmen mich in die Mitte, fixierten mich, als suchten sie etwas, streckten mir schließlich die Hand entgegen. Ich schlug ein; dem einen gab ich die Linke, dem anderen die Rechte. Sie meinten vielleicht, es gehöre sich so bei uns in Europa. Sie schüttelten meine Hände, wollten sie nicht loslassen, am Ende war es eine Drohung.

Amerikanischer Augenblick

Der Regen war entlang der Eisenbahnlinie in einem schmalen Streifen über die Straße gefegt. Bei uns dreien, einen halben Kilometer östlich, war kein Tropfen gefallen. Aber das Wasser rann über die Straße herunter und brachte Staub und Blätter mit. Die Blätter waren von den Pappeln gerissen worden, die vor der Bahnschranke standen, aufgereiht zu einer kurzen Allee.

Mein Vater habe, hatte der Arzt meiner Schwester und mir mitgeteilt, laut gebetet, als er in die Intensivstation gefahren wurde, laut lateinisch gebetet. Das war mir eingefallen, als ich im Hotel aufgewacht war. Seine Stimme war mir im Ohr gewesen, sehr vertraut. Ich hatte den Nachmittag verschlafen, war geweckt worden von einem Donnerschlag. Ich hatte mein Notizbuch eingesteckt und war hinaus auf die Straße gelaufen, wollte mich in den Coffeeshop in der Samford Avenue setzen und meine letzte Erinnerung an ihn aufschreiben, während draußen das Gewitter niederging. An diesen amerikanischen Augenblick würde ich mich mein Leben lang erinnern, dachte ich und war neugierig, ob mir gelänge, was mir bis dahin nicht gelungen war, nämlich über ihn als den zu schreiben, der er war.

Es war schwül im Coffeeshop, und ich hatte keine Lust, mich auf eine der Kunstlederbänke zu setzen. Ich nahm einen Pappbecher mit schwarzem Kaffee und einen Donut mit rosarotem Zuckerguss und spazierte weiter in meinem schnellen Schritt, weiter die Straße hinauf zum Bahndamm. Die Wolken waren nach Süden abgezogen, ein Überstrudeln von schwarzem Qualm mit schaumweißen Rändern, über denen sich das Sonnenlicht in Strahlen teilte. Die Sonne stand blank vor mir in der Verlängerung der Straße, rot und gestaucht; sie war schon recht nahe beim Horizont, an dem entlang ich Kräne vermutete - oder waren es abgestorbene Bäume? Ich hielt mir die Hand über die Augen.

Gerade als ich die Allee erreichte, schlug die Sirene bei den Schranken an. Ich hätte es noch leicht geschafft, über die Schienen zu gelangen. Aber ich wollte hier warten und mir die Union Pacific ansehen. Ich war bereits am Vormittag hier gewesen, der Verkäufer in dem Gitarrengeschäft gleich neben der Schranke, hatte mir gesagt, die Züge, meist Lastzüge, kommen von St. Louis oder Chicago oder Kansas City und fahren weiter zum Mississippi nach Baton Rouge und hinunter nach New Orleans; und er hatte mich darauf aufmerksam gemacht, dass gegen Abend der 8376er durch Auburn fahre, der sei einer der längsten.

Ich hörte sie schon eine ganze Weile, bevor ich sie sah. Der Wind trug sie vor sich her. Als die Lokomotive die ersten Häuser von Auburn passierte, schrie sie auf, ein langer aggressiv fröhlicher Jubel, der in einem engen Rhythmus um einen halben Ton absackte und sich wieder emporhob und wieder absackte und sich emporhob und dadurch einen Drive vorlegte wie die Country-Rock-Band, die ich drei Tage zuvor an einem Sonntagabend am Rand von Montgomery in einem riesigen Zelt gesehen hatte. Auf der anderen Seite des Schienenstrangs stand eine schwarze Frau. Um den Hals trug sie ein gelbes Tuch. Sie hielt ein Fahrrad. Auf dem Gepäckträger türmten sich Gemüsekisten. Ich winkte ihr zu. Sie blickte in meine Richtung, als wäre da niemand. Die Geleise waren noch nass vom Regen, sie glitzerten und schimmerten. Es roch nach nassem Staub und imprägniertem Holz.

Als mein Sohn sieben, acht Jahre alt gewesen war, waren wir beide manchmal nach Bregenz gefahren und hatten uns im Spielzeuggeschäft im GWL die große Dampflokomotive der Union Pacific Railroad angesehen. Baujahr 1940, einundzwanzig Achsen hatte sie (inklusive Kohlenwagen)! Ein Ding, das im Märklin-Format an die dreißig Zentimeter lang war - glaubte ich, mich zu erinnern. Nun schob sie sich zwischen den Bäumen hindurch auf den Bahnübergang zu. Tatsächlich hatte ich den Eindruck, als sträube sie sich, als wären die Schreie, die sie soeben noch ausgestoßen hatte, nicht Freudenrufe, sondern Hilferufe gewesen. Sie fuhr nicht schnell, ein kräftiger Radfahrer hätte gleichauf neben ihr herfahren können. Es war nicht die Maschine, die mein Sohn und ich im verkleinerten Maßstab so oft in den Händen gehalten hatten, natürlich nicht; mit Dampf wurde schon lange nicht mehr gefahren.

Es war eine doppelte Diesellok, hoch wie ein Bungalow, Kastenform, sibirisch abweisend, gelb mit grauem Dach. Vorne unter den Fenstern prangten blaue Flügel, gold eingefasst. Die Fenster sahen auf mich nieder wie strenge melancholische Augen. Eine Ehrfurcht erfasste mich, Respekt vor der Tragik dieses Dings, als wäre es ein mythisches Wesen, das gezwungen war, ein Kunststück vorzuführen, immer wieder, nämlich Eisenerz oder Vieh oder Holz oder Getreide in hunderten Waggons hinter sich her über einen halben Kontinent zu ziehen. King Kongs stählerner Affe.

Der Zug verdeckte die Sonne. Zwischen den Waggons blitzte sie mir in die Augen, und ich sah kurz die Silhouette der Frau auf der anderen Seite. Ich zählte die Wagen. Die meisten waren Paletten auf Rädern, über die je zwei stählerne Container gestapelt waren. Bei fünfzig hörte ich auf. Ich lief neben den Geleisen her und sprang auf einen offenen Güterwagen. Hobos saßen oder lagen auf den Holzdielen, manche hatten sich eingerollt und schliefen, andere lehnten mit dem Rücken an der Waggonwand. Woody Guthrie sang Pretty Boy Floyd, Jack London machte sich Notizen zu The Road, Tom Joad hatte eine Schildkröte in seine Jacke gewickelt. Als die letzten Wagen an mir vorüberfuhren, war die Sonne untergegangen. Keine Dämmerung. Nacht. Ich hörte die Frau ihr Fahrrad über die Geleise schieben, erwischte einen Schimmer ihres gelben Halstuchs. Hinter mir hörte ich Männerstimmen. Es waren die beiden vom Friseurladen und noch zwei oder drei oder vier andere. Ob ich einen gefunden hätte, der mir habe verraten können, warum die Leute in Auburn so langsam gehen. Nein, rief ich in die Dunkelheit hinein und lachte männlich.

Ich ging die Straße zurück, die ich gekommen war, setzte mich in den Coffeeshop, bestellte eine große Tasse Kaffee und schrieb die ersten zwei Sätze in mein Notizbuch: "Nach dem Tod meines Vaters haben sich einige Buchstaben meiner Handschrift verändert, das große W und das große A, das kleine f und das kleine z. Erst viel später, als ich einen Brief an seine Geliebte in die Hände bekam, fiel mir auf, dass sich meine Hand der seinen angeglichen hatte."

An diesem Abend war ich damit beschäftigt, an meinen Vater zu denken. (Michael Köhlmeier, ALBUM - DER STANDARD/Printausgabe, 13./14.09.2008)

Zur Person:
Michael Köhlmeier, geb. 1949 in Hard, Vorarlberg. Schriftsteller. Gemeinsam mit Reinhold Bilgeri verfasste er auch Kabaretts und Liedtexte. Für seine Erzählungen, Romane und Hörspiele wurde er mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Zuletzt erschienen: "Abendland" (2007, Hanser) und "Idylle mit ertrinkendem Hund" (2008, Deuticke).

  • Das Foto stammt aus dem Bildband "Heartlands. Sketches of rural
America" des österreichischen Fotografen und Dokumentarfilmers Andreas
Horvath, Edition Fotohof 2007.www.andreas-horvath.com
    foto: andreas horvath

    Das Foto stammt aus dem Bildband "Heartlands. Sketches of rural America" des österreichischen Fotografen und Dokumentarfilmers Andreas Horvath, Edition Fotohof 2007.

    www.andreas-horvath.com

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