Zurück in die Zukunft

11. September 2008, 19:32
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Das Label Soul Jazz Records hebt Schätze der (schwarzen) Musikgeschichte. Mit Buch und CD wird nun jamaikanischer Dancehall-Reggae gewürdigt

Während der vergangenen Jahre kam die jamaikanische Dancehall-Szene vor allem wegen homophober Äußerungen zentraler aktueller Künstler des Genres ins Gerede. Stars wie Bounty Killer, Beenie Man oder Sizzla machten sich diesbezüglich in ihrer Arbeit und in Interviews nicht gerade verdient - wenn es darum ging, diskriminierende (und auf Jamaika selbst als in der Gesellschaft erschreckend selbstverständlich genommene) Statements auch über die westliche Aufmerksamkeitsschwelle zu bringen. Zuletzt wurden Bounty Killer und Sizzla von der EU gar als unerwünschte Personen eingestuft.

Ähnlich wie im HipHop US-amerikanischer Prägung geht es hier aktuell nicht nur um extreme Ausformungen eines machistisch geprägten Selbstverständnisses. Zur oft reichlich wirren Deutung religiöser Rastafari-Motive, die mitunter zu unsinnigen Aussagen wie "Gangsta for Jah!" führen, gesellen sich dann mitunter auch noch Gewaltverherrlichung, Sexismus, das Loblied auf harte Drogen und schnelle Autos - und überhaupt das ganze Spektrum einer Kultur der Außenseiter und Underdogs, das diesen Sound gerade auch für weiße Mittelstandsbuben an der Schwelle zum Erwachsenwerden so interessant macht. Hier geht es auch um pubertäre Provokation mittels Tabubruch zu harten Beats. Siehe auch ähnliche Bestrebungen etwa von deutschen Rappern wie Sido im Umfeld des Berliner Aggro-Labels.

Das war nicht immer so - wie jetzt auch ein beim Londoner Plattenlabel Soul Jazz Records erscheinendes Buch belegt. "Dancehall. The Rise Of Jamaican Dancehall Culture" von Beth Lesser, opulent mit Fotos und historischen Abrissen und Künstlerporträts gestaltet, schildert von den Anfängen in den 1970er-Jahren herauf die Anfänge des bis heute vor allem musikalisch innovativen und stilprägenden Genres als jenen historisch bald auch global bedeutenden Bruch, an dem aus DJ- eben auch Performance-Kunst wurde.

Dass viele Soundsysteme anfangs oft nur mit einem Plattenspieler ausgestattet waren und der DJ das Wechseln der Platten verbal mit flotten Sprüchen zu kaschieren versuchte, war nur der Anfang. Bald wurden die Anlagen professioneller, zum DJ gesellten sich auch bald rein für die Show zuständige MCs am Mikrofon. Bis schließlich in den späten 80er-Jahren mit der Verwendung von am Computer generierter Musik endgültig der Bruch mit den von Bands eingespielten Tracks kam und innovative Studioproduzenten wie Joe Gibbs oder Lee Scratch Perry bald von Mischpult-Heimwerkern abgelöst wurden, die nicht nur die Beats härter prasseln ließen, sondern auch unabhängig von großen Firmen im Heimstudio für revolutionäre Sounds sorgten.

Beth Lesser, gemeinsam mit ihrem Mann im kanadischen Toronto Herausgeberin des Magazins Reggae Quarterly und zuvor schon als Autorin von "King Jammy's", dem Porträt eines weiteren zentralen jamaikanischen Produzenten und Dub-Innovators, in Erscheinung getreten, bereiste während der 80er-Jahre regelmäßig Jamaika und die dortigen Dancehalls. Mit dem nun vorliegenden Band dokumentiert sie diese Forschungsreisen ins Nachtleben einer anfangs unschuldig in die Beine und die Beckengegend zielenden Partymusik mittels erstaunlichen Fotomaterials. Empfehlenswert! (Christian Schachinger / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.9.2008)

  • Beth Lesser - Dancehall. The Rise Of Jamaican Dancehall Culture (Soul Jazz Records/Trost). Das Buch sowie eine Doppel-CD sind ab Oktober im Handel erhältlich
    soul jazz records/trost

    Beth Lesser - Dancehall. The Rise Of Jamaican Dancehall Culture (Soul Jazz Records/Trost). Das Buch sowie eine Doppel-CD sind ab Oktober im Handel erhältlich

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