Der teure Sprung im Bierbecher

11. September 2008, 18:33
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Harte Kunststoffbecher sind im Wiener Hanappi-Stadion verboten - Dünnere Plastikbecher bekommen leicht einen Sprung - Das Pfand retour bringen aber nur intakte Becher

Harte Kunststoffbecher fliegen bei Unmutsäußerungen zu leicht auf das Spielfeld. Die filigrane Alternative kann den euphorischen Fan aber rasch sein Pfand kosten - Von Michael Möseneder

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Wien - Wer in ein Fußballstadion geht, macht das meist nicht nur, weil er an die frische Luft will, sondern weil er oder sie beim Spiel mitfiebern und sich von den Emotionen mitreißen lassen will. Zumindest im Gerhard-Hanappi-Stadion kann das einen Extra-Euro kosten - wenn man im Überschwang der Gefühle seinen Plastikbecher zu fest drückt.


Ein Euro Einsatz muss in der Spielstätte des SK Rapid für den Becher gezahlt werden, Getränke in Flaschen werden nicht verkauft. Das Problem: Das Plastik ist hauchdünn. Ist der Becher leer, bekommt er bei zu festem Druck extrem leicht einen Sprung. Und wenn man das leicht gesprungene Trinkgefäß zurückgeben will, wird man zurückgewiesen - nur intakte Becher bringen das Pfand retour.

Stabilere Becher sind ständig geflogen

Warum werden in St. Hanappi nicht die dickwandigen Kunststoffbecher, die man aus den EURO-Fanzonen oder aus dem Ernst-Happel-Stadion kennt, eingesetzt? Wegen der Fans, wie Johannes Pichler, Geschäftsführer der Firma "Kulinarik", erklärt. "Die Auflage, Pfandbecher zu benutzen, kommt von der Stadt Wien. Ursprünglich haben wir auch die stabileren Becher eingesetzt. Nur sind die ständig geflogen" - auf das Spielfeld, um Linienrichter und gegnerische Spieler zu treffen.

Pfand retour - nur bei ganzen Bechern

Um die Sicherheit zu erhöhen musste das Unternehmen also neue Becher kreieren - was mehrere Wurfproben nötig machte, bis die richtige Dicke gefunden war. Womit die nächste Schwierigkeit anstand. "Wir müssen die Becher extra produzieren lassen und als Pfandbecher ausweisen, da ihr Wert ja offensichtlich unter dem Euro Einsatz liegt. Damit können sie aber nicht mehr bei anderen Veranstaltungen eingesetzt werden, wo kein Pfand eingehoben wird. Sonst würde jeder dort Becher sammeln und bei uns zurückgeben", erläutert Pichler.


Was für ihn auch der Grund ist, keine kaputten Becher retourzunehmen. "Die könnten dann ja auch aus dem Mistkübel stammen." Dass dieses Szenario nicht völlig aus der Luft gegriffen ist, schildert der Geschäftsführer anhand eines früheren Beispiels. "Einmal haben wir 2000 Becher mehr zurückbekommen, als wir ausgegeben haben." Was bei maximal 18.000 Besuchern im Hanappi-Stadion doch beachtlich ist.

Körberlgeld

Da die filigranen Produkte quasi eine Geldanlage sind, wird auch eine eigene Entsorgung durch die Wiener Müllabfuhr organisiert. Und selbst die originalverpackten Becher werden extra gelagert. Für Pichler rechtfertigt das auch das Körberlgeld aus dem einbehaltenen Pfand: "Wir müssen die Becher extra produzieren und beseitigen lassen. Glücklich sind wir damit eh nicht."

Systemumstellung bei Rockkonzerten

Sein Unglück könnte noch größer werden. Nicht etwa im Happel-Stadion im Prater, wo dank einer Laufbahn der Abstand zwischen Rängen und Spielfeld so groß ist, dass gezielte Würfe mit Hartplastikbechern kaum möglich sind, sondern in der Stadthalle, die die "Kulinarik" ebenso betreut. "Besonders bei Rockkonzerten fliegen dort immer öfter die harten Becher auf die Bühne, sowohl aus Begeisterung als auch aus Enttäuschung", schildert Pichler. Derzeit werde über eine Systemumstellung diskutiert. Was dann auch von Musikfans mehr Fingerspitzengefühl verlangen würde. (Michael Möseneder/ DER STANDARD Printausgabe 12.9.2008)

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    Ist er voll, ist der hauchdünne Plastikbecher in St. Hanappi kein Problem. Ist das Bier weg, droht leicht der Pfandverlust

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